Archiv: „Libertad-Universitario 1:1“ aus GZ 141

20. April 2010 in Peru, es ist Mittwochnachmittag und ein heisser Tag neigt sich dem Ende zu. Die Millionenstadt Lima atmet schwerfällig, bis zum Horizont dehnen sich die verschmutzten Strassen, die provisorischen Hütten und die verwinkelten Häuser ohne Putz und Farbe, über den Dächern hängt bunte Wäsche an den Leinen zum trocknen. Auf den Hauptstrassen, die sich wie grosse Autobahnen durch das endlose Stadtgebiet ziehen, fliessen die Blechmassen dahin, die Luft stinkt nach Abgasen und die eigentlich längst schrottreifen Busse, Kleinwagen und Transporter veranstalten im Kampf um die richtige Spur ein andauerndes Hupkonzert.
Ich bin seit einer halben Stunde unterwegs, sitzte eingequetscht im Kleinbus, einen kleinen Rucksack auf dem Schoss. Seine Styroporhalterung schaut aus den Nähten hervor und der Reissverschluss funktioniert nur noch in eine Richtung. Die Ärmel meines T-shirts sind abgeschnitten, auf der Brust steht in kleinen vergilbten Lettern “Sankt Pauli, Hamburg”.
Der kleine Schlafsack, mit einem elastischen Band an meinem Rucksack befestigt, ist mit einem cremefarbenen Filzschal umwickelt, rote zitternde Buchstaben ergeben die Wörter “Trinchera “U”, Norte”.
Ich stehe vor einer Urerfahrung in Sachen Fussballkultur: einer Auswärtsfahrt mit südamerikanischen Ultras, aus der Hauptstadt Lima in den Süden Perus, durch ganz Bolivien bis nach Asuncion, der Hauptstadt Paraguays. In den nächsten zwei Wochen werde ich zusammen mit dem Kern der Trinchera reisen, mit den Fanaticos von Universitario de Deportes.la u1

Im Stadtteil San Juan de Miraflores liegen neben der lärmenden Hauptstrasse ein paar kleinere Hinterhöfe mit einer Handvoll Busunternehmen. Familien stehen palavernd um ihre Reisetaschen, in den Strassenecken lungern Jugendliche mit roten Augen, Händler bieten Zahnbürsten und Deos an, gebückte Mütterchen verkaufen billiges Strassenessen.
Es ist noch früh, die Leute noch nicht da, ich kaufe Zigaretten und beschäftige mich in einem etwas abgelegenen Imbiss mit Fussballwetten.
Wieder auf der Strasse, steht die Sonne tief und ist rot angelaufen, ich finde die Jungs hinter einer Ecke am Bartzen und muss unwillkuerlich grinsen. Es kann also losgehen.

Der Bus steht schon bereit, ich schüttel eifrig Hände und bezahle meine Fahrkarte. “Hier Gringo, heb dir das fuer später auf”, mir wird ein Jointstummel zugesteckt, ein erstes Willkommensgeschenk.
Als der Bus langsam losrollt, spring die Hälfte der Leute von Bord, sie sind zum Verabschieden mitgekommen, es fehlt die Kohle um die Reise anzutreten.
Im hinteren, für sich abgetrennten Abteil machen wir es uns gemütlich, die meisten Gesichter sind mir bekannt, unter ihnen befindet sich das eines engen Freundes aus Barranco. Er ist dunkelhäutig und breitschultrig, trägt wenn nicht gerade bunte T-shirts, la “U”-Trikots und grosskörnige Ketten aus dem peruanischen Urwald. Die Freundin kommt aus Australien, seine wahre Liebe heissen, glaube ich, Mary Jane und Universitario. So wie man mich “Gringo” oder “Colorado” ruft, nennen die Leuten ihn “Sombra”, zu deutsch Schatten. Dieser feine Alltagsrassismus ist in Peru Gang und Gebe, das scheint aber niemandem so wirklich aufzufallen.
Aturo wühlt zwischen den Taschen in den Alkolholvorräten rum, er ist Mitte dreissig, trägt feste Stiefel, ausgebeuelte Jeans und verwaschene Polohemden. Ihm fehlt ein Vorderzahn und aus seinem Kopf spriesst dichtes Lockenhaar nach allen Seiten. Neben ihm steht Alfonso, er ist Mitte zwanzig und damit der Jüngste. Die Käppi tief ins Gesicht gezogen, die kleinen roten Augen von einer Brille umrahmt, sein nackter Ruecken ziert ein breites Tattoo der durchdrehenden Nordkurve, “da fehlen aber noch einige Details”, sagt er und grinst leise.
Alex ist Anfang 40 und der Älteste, mit seinen kaputten Sambas, der bleichen Jeans und dem roten Diadora Shirt erinnert er als einziger an den mir bekannten Ultrastil. Auf seiner linken Schulter ist ein grosses eingekreistes “U” eintätowiert, er war in der Kurve mein Ansprechpartner fuer die Reiseplanungen.
Die drei übrigen sind weniger Freaks als ziemlich schwere Jungs, sie repräsentieren schon eher den Kurvendurchschnitt der Hinchas Cremas und sind hier deutlich tonangebend, ewiges Hierachiegehabe in Ultragruppen ist für mich aber nix neues.
Die Körper der drei sind mit Tattoos uebersäht, an den Füssen sitzten schwere Turnschuhe, die Basecaps verdecken kurz rasierte Schädel. Für Peruaner sind sie ungewöhnlich gross, ich erfahre von ihnen erst einmal nur Spitznamen, so ist es in den Strassen Limas eigentlich auch üblich.
Chaufo, dem Bösesten von allen, läuft eine hässliche Narbe quer übers Gesicht, seine Augen funkeln schwarz wie die Nacht. Mindestens eine Narbe sollte übrigens jeder Barrista (südamerikanischer Begriff für Ultra) aufweisen können.
Was diesen Leuten durch den Kopf schiesst, als der weisse Jungen in den Bus steigt, ist mir völlig klar und ich nehms ihnen auch nicht übel: “Der bessert unsere Reisekasse auf, ob er will oder nicht!”
Ich lebe jetzt beinahe 7 Monaten in Lima und zwar weder im Speckviertel Miraflores noch im Zentrum, meine Zeit hab ich nicht mit Däumchendrehen und sinnlosem Internetgesurfe verbracht, sodass sich mein Strassenspanisch mittlerweile hören lässt und ich mich nicht mehr verarschen lassen muss. Das checken die Leute aber auch recht schnell, der Bus fährt in den roten Sonnenuntergang und wir feiern eine hemmungslose Koksparty im hinteren Abteil. Darauf war ich geistig vorbereitet, dennoch nimmt mich mein Kollege ein wenig später zur Seite, er scheint ein wenig besorgt und redet auf mich ein: “Man schnallst dus nich, dir muss auch klar sein mit wem du dich hier einlaesst, die Leute… man checkst dus, die gehen ueber Leichen man, Drogen, Frauen, Ueberfaelle, Waffen, das sind in Lima beruehmte Leute man, das ist die Barra der la “U”, puta no es nada facil!”

Die Sonne ist schon seit einer ganzen Weile untergegangen, aus den kleinen mitgebrachten Boxen klingen Salza-Rythmen, die Stimmung ist gut, trotz des vielen Alkohols benehmen sich die Leute angenehm ruhig, unterhalten sich ohne die wenigen anderen Fahrgäste zu stoeren. Diese sagen nichts gegen die laute Musik, erstens haben sie mehr oder weniger geschnallt, wer hier im Abteil sitzt, zweitens ist Salza überall willkommen.
In Peru haben sich die verschiedenen Generationen nicht so weit auseinandergelebt, man hört die die gleiche Musik, alt und jung sprechen die selbe Sprache. Ich schätze, das liegt an den Familien, die gezwungenermassen mit Kindern, Jugendlichen und Grosseltern auf engem Raum leben und sich ein Zimmer oder eine Wohnung teilen.
Irgendwann sind alle flüssigen Vorräte aufgebraucht, in den Pausen steigen wir aus um zu rauchen, zweimal entfernen sich zwei Leute so weit vom Bus, dass dieser ohne sie losfährt und der Busfahrer einen Kilometer weiter vor Wut gerötet warten muss, bis die Locos mit dem Taxi oder vor Erschöpfung keuchend wieder eingesammelt werden, was fuer ne verrückte Nacht.

Im späten Vormittag des nächsten Tages erreichen wir Arequipa. Die zweitgrösste Stadt Perus liegt auf der Westseite am Fusse der Anden, wir haben in den letzten 18 Stunden fast die gesamte südliche Pazifikküste Perus bewältigt. Dementsprechen ist erstmal Pause angesagt, es gibt jede Mende Kontakte und eine grosse la “U”-Sektion in Arequipa.
Per Taxi gehts zu einer kleinen Cevicheria (peruanisches Fischrestaurant) direkt neben dem Stadion des Fbc Melgars, einer der zwei Erstligaclubs der Stadt.
Man erwartet uns bereits, das Gepäck wird verstaut und bei kühlem Bierchen gibts lecker Mittagessen. Unsere Anwesenheit scheint sich schnell rumzusprechen, es kommen und gehen Freunde, Bekannte und dunkle Gestalten, kleinere Drogengeschäfte werden zwischen dem Essen in aller Ruhe abgewickelt.
Ein wenig später machen wir uns auf den Weg, per Taxi durch die bildhübsche Stadt bis zu einem kleinen, auf einer Anhöhe liegenden Restaurant.
Im Schatten einer dünnen Bambusdecke sitzten etwa 20 Männer an einem einzigen langen Tisch, als wir den Raum betreten erheben sich einige, man begrüsst uns freundlich. Wer hier das Sagen hat, wird ziemlich schnell deutlich, ein riesiger Fettwanst mit winzigkleinen Augen und kurzem, schmalzig schwarzem Haar führt das Gespraech, hauptsächlich mit Alex, dem Ältesten, und natürlich mit Chaufo und Malandro. Die vielen anderen Männer sitzten mehr oder weniger still dabei, lachen, wenn ein Witz gemacht wird und stopfen sich von Zeit zu Zeit Koks in die Nase.
Nach einer Stunde steht der Tisch voller leerer Bierflaschen, normalerweise trinken die Menschen in Peru, wenn sie denn trinken eher wenig. So bedanken wir uns fuer die Gastfreundschaft, was den Dicken, der von allen Cäsar genannt wird, langsam zu Hochform auflaufen lässt.
Wild gestikulierend lässt er sich über andere Sektionen aus, “Scheisse, ihr wisst es doch auch, wenn es drauf ankommt, steht im Norden nur Chiclayo, verdammt!” Dann redet er sich in Rage, erzählt von zahlreichen Kämpfen, “Bam, Bam, Bam, vier Leute aufeinmal, du warst doch auch dabei, häh?”, eifriges Nicken, “und dann ziehen wir einmal die Gun und schon laufen die Hurensöhne, hahahaha!”
Gut angezecht, verlassen wir irgendwann das Restaurant, um in der nächsten Bar das nächste Bier zu trinken. Nach ner knappen Stunde dann nochmal ein Tapetenwechsel, abgesehen vom Barmann ist unsere Gruppe von 15-20 Leuten die einzige im grossen kühlen Raum mit den billigen Plastikstühlen.
Die Gespräche verteilen sich, Cäsar hat sein T-shirt ausgezogen, sein massiger Koerper ist unter anderem mit der heiligen Mutter Maria tätowiert.
Jedenfalls hört er gelangweilt den Geschichten seiner Nachbarn zu, wenn es nicht gerade Leute aus unserer Gruppe sind, würdigt er sie dabei keines Blickes.
Nachdem es zum wiederholten Mal heftig geschneit hat, kommt noch einmal Stimmung auf und selbst die Typen, die vorhin noch absolut nix zu sagen hatten, fangen an sich zu amüsieren.
Das wird Cäsar dann irgendwann zu bunt, er wirkt ein wenig frustriert und versucht einen Streit zu provozieren, was bei der Unterwürfigkeit seiner Leute gar nicht so einfach ist. Irgendwann klappt es dann aber und er steht kurz davor einen seiner “Freunde” aufs heftigste umzuklatschen, quite impressing.
Als sich alles wieder beruhigt hat, rückt der Abschied immer näher, nicht nur Cäsar wird jetzt sentimental, man fordert den Barman unmissverständlich dazu auf, zum vierten oder fünften mal “Viva la Vida” von Coldplay zu spielen (!), der gefühlsstarke Popsong laesst sie ergriffen das Gesicht verziehen, einige fuchteln mit den Händen durch die Luft, beim Chorus wird auf spanglisch mitgesungen. Danach gibts viele Umarmungen und ewige Liebesbeschwörungen, eine rätselhafte Mentalität.
Jedenfalls habe ich während der ganzen Zeit weitestgehend gelassen meinen Part gespielt und mich mit einigen unserer Freaks und vor allem mit Alex sehr nett über Musik unterhalten. Ziemlich sicher, dass Cäsar in seiner streitlustigen Phase kurz überlegt hat, ob er sich mir vorknüpfen soll, offensichtlich hat Chaufo ihn davon abgehalten und mich mit der vollmündigen Ankündigung “Ich werd dich heut Nacht so derbe vergewaltigen” gerettet, vielen Dank.
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Am späten Abend verlassen wir das Busterminal in Arequipa, das nächste Ziel ist Puno, eine Kleinstadt in der peruanischen Hochebene, der Sierra, nahe der bolivianischen Grenze.
Abseits der Menschenmengen rauchen wir im Schutz der Dunkelheit der wartenden Busse von den knapp gewordenen Grassvorräten, ob der letzten zwei Tage scheinen alle ziemlich müde. Dann gehts los, wir sinken mit Decken und Pullis bewaffnet in die Sitze und während ich tief und fest am ratzen bin, erklimmt der Bus in unendlichen Serpentinen die peruanische Cordillera, die Anden.
Gegen 5 Uhr morgens passieren wir Puno, wenig später hält der Bus auf einem kleinen asphaltierten Parkplatz. Die meisten Fahrgaeste bleiben in ihre Decken eingehüllt im dunklen Bus sitzten, als ich aussteige, schlaegt mir kalte frische Luft entgegen.
Wir befinden uns in fast 4000 Metern Hoehe, es ist noch dunkel, am Horizont ruhen schemenhaft die Berge. Ein paar von uns stehen bereits etwas abseits am blazen, ich selbst fühle mich müde und bin völlig ausgelaugt. Ich war nie und bin auch heut noch kein Fan von Chemie, sei es in der Schule oder auf Minimalpartys, lasst die Finger von dem Scheiss. Im abgefuckten Badezimmer um die Ecke versuche ich ein bisschen klar zu kommen, Katzenwäsche, frische Klamotten und los! Die anderen sind schon vor zu Grenze, ich bitte einen der in dicken Wollparkern eingepackten Bolivianer mich auf dem Holzanhänger seines Fahrrads zur Migration zu bringen.
Der Weg führt auf einer holprigen Strasse zwischen Wohnbaracken entlang, ich sitzte zusammengekauert auf der dünnen Holzplatte, zu meiner Linken taucht der höchstgelegenste See der Erde auf, er streckt sich in die Berge, die Gipfel sind mit Schneekronen bedeckt, zwischen ihnen geht in langen roten Streifen die Sonne auf, ein überwaeltigender Anblick.
Ich schlürfe eine starke Fleischsuppe und komme trotz der dünnen Luft schnell wieder zu Kräften.
Nach einer guten Stunde lassen wir das Gedränge des Grenzüberganges hinter uns, es geht im Kleintransporter weiter nach La Paz.
Einmal im Terminal der Hauptstadt angekommen, werden ein paar der mitgebrachten Transparente entrollt, man schiesst Erinnerungsfotos.
Auf dem Weg in den südlichen Westen Boliviens durchqueren wir Cochabamba, die Stadt liegt mitten in den Bergen, ueberhaupt ist Bolivien ein karges, dünnbesiedeltes Land, weite Steppen, Geroell und bitter arme Bauerndörfer, erst im Süden werden die Berge flacher und sind vom dichten Urwald überzogen. Die Menschen arbeiten überwiegend auf den Feldern, Kinder, Jugendliche, Männer, Frauen und Alte, ihre Gesichter erinnern an die Stämme ihrer Vorfahren, auch nach 500 Jahren Eroberung durch die Europäer hat sich das Spanische kaum durchgesetzt, die meisten sprechen Quechua, die Sprache der Inkas.
Nach nem halben Tag und einer Nacht erreichen wir Santa Cruz, imTerminal wird geduscht, wir bringen die Sache in einer nahegelegenen Hospedaje unter.
Bis zum nächsten Tag wird eine Pause eingelegt, die Leute trennen sich, ich laufe mit meinem Kollegen und einer im Bus kennengelernten Chilenin ins Zentrum.
Vor einem weissen Kolonialgebäude liegt der Plaza, es ist eher ein kleiner Park aus Palmen und Blumen, auf robusten Steintischen spielen alte Maenner Schach, in den Nebenstrassen verkaufen ein paar Locos ihre Kunststückchen.
Am frühen Abend gehts zurück zur Hospedaje, die Leute geben wieder richtig Gas, ich lasse es ein wenig ruhiger angehen, es wird dennoch eine ziemlich lustige Nacht. Der nächste Tag ist nochmal ganz entspannt, die Abfahrt des Busses verspätet sich wegen technischer Probleme vom Morgen in den Abend, das scheint aber keinen wirklich zu stören, wir hängen rauchend im Schatten und essen lecker bolivianisch.
Am späten Nachmittag dann endlich der Aufbruch zum letzten Teil der Reise, wir sind alle heiss aufs Spiel und freuen uns auf Paraguay, die Hauptstadt Asuncion liegt allerdings weitere 20 Stunden Busfahrt im Süden.
Mitten in der Nacht erreichen wir die Migration Boliviens und kriechen verschlafen nach draussen. Das Klima ist tropisch geworden, unter einem kleinen Holzvorbau sitzt ein älterer Mann im dünnen aufgeknöpften Hemd an einem Tisch und stempelt Pässe. Sein Ventilator rattert, die Mücken tanzen im trüben Licht einer kleinen Hängelampe und zwei Männer lehnen in Uniform mit schweren Gewehren an der Wand.
Im Bus pennen alle sofort wieder ein, in den frühen Morgenstunden gehts nochmal raus, wir sind endlich an der Immigration Paraguays angekommen.
Zum Feiern bleibt keine Zeit, sämtliche uniformierte Waffenträger checken, dass wir keine gewöhnliche Reisende sind, sie filzen den Bus und das Gepäck sämtlicher Insassen mit Spürhunden und speziell uns und unsere Rucksäcke, auch die meterlangen Transpis werden entrollt.
Klar, dass uns das Ganja dennoch gut versteckt nach Paraguay begleitet.
Montagabend Ankunft in Asuncion, am nächsten Tag um19 Uhr soll bereits angepfiffen werden.
Es nieselt leicht, ein befreundeter peruanischer Taxifahrer holt uns vom Terminal ab, es ist bereits dunkel geworden und die Hitze hat ein wenig nachgelassen.
Im Zimmer der Hospedaje verstauen wir Gepäck und Material, wir sind alle ziemlich pleite und auf die Hilfe der weiteren Trincheramitglieder angewiesen.
Etwa 30 Leute stehen draussen in einer Strassenecke und bechern in einem Trümmerhaufen aus leeren Flachen und Tetrapacks. Die meisten sind per Flugzeug gekommen und schon seit gestern in Asuncion. Wir acht werden wie verschollene Helden gefeiert und der mitgebrachte Gringo ist das Gesprächsthema überhaupt.

Der Spieltag beginnt mit Kaffee und Zigaretten, im Badezimmer waschen wir per Hand unsere dreckigen Klamotten. Die ca. 50 Leute haben sich verteilt, einige sind per Bus ins Zentrum gefahren, andere sitzen in den oberen Zimmern auf der Terasse und warten bis es endlich losgeht.
Ich erkunde mit ein paar Leuten das umliegende Viertel, Asuncion hat Flair, alles ist grün, selbst aus den zerlöcherten Strassen spriessen die Pflanzen, über den bunt angestrichenen Dächern hängen lose Telefonleitungen an grossen Holzmasten. Die Menschen empfangen uns gelassen und freundlich, wir sind im Viertel der “Cerro Porteños” gelandet, einer von drei Hauptstadtclubs, die in der ersten Liga mitkicken. Das Stadion der “Azulgrana” (Blauroten) liegt versteckt hinter einem kleinen Häuserblock, nach einem kurzen Schnack lässt uns der dickbäuchige Wärter ohne weiteres pasieren, wir schlendern ungestört über die menschenleere Anlage und dann durch den Spielertunnel auf das frische Grün.
Das Stadion ist Fussballromantik pur, der steinernde Altbau fasst ca. 20.000 Leute, hinter den Stehtraversen der etwas flacher gebauten Westtribüne erstrecken sich die Dächer Asuncions.
Wieder zurück, hängen die Leute bereits vorm Hotel rum und warten auf das Startsignal.
Die Materialien werden rausgetragen, u.a. diverse Trommeln und Instrumente, Spraydosen und Edding füllen auf den letzten Drücker mitgebrachte Bettlaken, die Leute gruessen ihr Barrio (Viertel) oder einfach ihre Freundin oder Familie in Lima. Um die Chance zu erhöhen mit den persönlichen Bannern ins Fernsehen zu kommen, fügen einige ein fettes “Fox Sports” hinzu. Überhaupt wird in Peru jeder Kameramann und Fotograf sofort von einer Traube aus tanzenden Menschen umsprungen, die schreiend versucht ihre Farben in die Linse zu halten. Das ständige Abgefilme seitens der Bullen auf Märschen oder im Stadion existiert noch nicht, die Leute erzählen sich vielmehr Geruechte, dass man sich in Europa auf Fussballspielen vermummen müsste.
Jedenfalls belässt es, oh Wunder, niemand bei den Bettlaken und bald stehen die Freaks am helligten Tag auf offener Strasse und malen vor den verdutzten Passanten konzentriert die Waende voll.
Als die Cops kommen, sitzten wir schon in den Taxis und brausen ins Zentrum, vor der Kirche auf dem Plaza ist allgemeiner Sammelpunkt.
Nach und nach trödeln weitere Leute ein, es bleibt Zeit für mehrere Spaziergänge, ich erspare euch weitere Anekdoten.

Die Spannung ist greifbar, alle sind am rumzappeln, einer der Oberbosse, aus Lima eingeflogen, verteilt an uns Busreisende acht Eintrittskarten, Gracias!
Dann gehts endlich per Bus zum Stadion, es ist dunkel geworden, die Leute feiern sich warm, verhalten sich den anderen Fahrgäste gegenueber wie immer sehr sehr korrekt.
Nach kurzem Gelatsche taucht hinter einer Strassenecke unvorhersehbar das Stadion auf, man erkennt im Dunkeln nur den grossen Betonruecken einer Tribuene.
Die Leute kommen zusammen, es sind noch knapp zwei Stunden bis zum Anpfiff, als der Spielerbus der la “U” vorfaehrt und in die Katakomben einbiegt, wird es kurz richtig laut, die Spieler ballen hinter den Fensterscheiben die Fäuste und ziehen am Vereinsemblem ihrer Trainingsjacken.
Vorbei an Ordnern und bewaffneten Polizisten gehts dann ins Stadion, durch die leeren Backsteingewölbe steigen wir eine Treppe hoch in die Auswärtskurve.
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Das Klima in Asuncion bringt neben einer extremen Hitze immer wieder starke Regenfaelle, das Stadion Libertads wurde früher regelmässig geflutet und wird deshalb aus alter Zeit “Tuyucua” genannt, zu deutsch Schlammloch.
Heute ist es trocken geblieben, wir sind beinahe die ersten im flachen Rund, nicht mehr als 10.000 Zuschauer passen hinein.
Nach einer halben Stunde Arbeit hängt die ganze Kurve voller Wäschelaken, Transpis und Bannern. Trommeln, Rasseln und weitere, mir unbekannte Instrumente werden in Position gebracht. Die gegenüberliegende Gerade füllt sich nur schleppend, zu Spielbeginn ist das Stadion für ein entscheidenes Gruppenspiel im Copa Libertadores ziemlich dünn bestzt.
Das Team Universitarios hält in der ersten Viertelstunde gut dagegen und kommt nach Einzelaktionen zu ersten Tormöglichkeiten. Dann verflacht die Partie zusehends, beiden Mannschaften fehlt wie so oft der nötige Zug zum Tor.
Die Hinchas Universitarios geben jedenfalls alles, singen leidenschaftlich im Rhythmus der Trommelwirbel, es sind keine Schlachtrufe, sondern Melodien und Texte, die die Leute in Extase und das Rund zum Beben bringen!
Bei Libertad ist erstaunlich wenig zu sehen, ein kleines Grüppchen, das man vage erkennen, aber nicht hören kann, bei denen geht wirklich überhaupt nix. Ich schätze, dass die Bewohner Asuncions ihre Herzen an andere Clubs verloren haben.
Vor der Pause erhöht Libertad nochmal ein wenig das Tempo, mehr als zwei vom Keeper parierte Weitschüsse kommen aber nicht dabei heraus.
In der Halbzeit aufm Klo Wasser trinken und Zigaretten organizen, dann gehts auch schon weiter.
Das Spiel plätschert vor sich hin, will oder kann hier keiner, das 1 zu 0 für Libertad ist jedenfalls genauso arm wie das Gekicke: Aussen auf halbrechts nimmt einer der Schwarzweissen mit Ball Tempo auf, wird von einem Mitspieler hinterlaufen, was die zwei zustaendigen Verteidiger so verwirrt, dass sie nicht früh genug in den Zweikampf kommen. Noch vorm Strafraum zieht der Ballführende ab, die Kugel fliegt schlecht plaziert auf den Torwart zu, der sie mit einem gewagten Hechtsprung ins Netz faustet. Scheisse! Die Leute um mich herum unterbrechen nichtmal ihre Gesänge, ganz im Gegenteil, sie verschwitzten ihre Trikots und holen in der verbleibenden halben Stunde wirklich alles aus sich heraus. Und die Mannschaft? Kein Aufbaeumen, kein Siegeswillen, einfach enttäuschend!
Die Minuten verinnen, la “U” erarbeitet sich nicht eine nennenswerte Torchance, ihr Keeper muss durch eine Glanzparade sogar das 2 zu 0 verhindern.
In der 86. Minute dann aus heiterem Himmel der Ausgleich, einige sitzten schon frustriert auf den Zäunen und hängen die Sachen ab, da erfolgt der ersehnte Torschrei.
Was für ein Durcheinander, ein Wunder, dass sich im Jubelchaos niemand verletzt. Luis Ramirez war auf der linken Aussen freigespielt worden, er zieht in den Strafraum, will den Ball querlegen und schiesst dabei einen Verteidiger an, der ihm das Leder direkt wieder vorlegt. Scharfer Schlenzer ins lange Eck, 1 zu 1 Ausgleich, dem direkten Konkurrenten zwei Punkte vermasselt und selber einen eingefahren.
Zufrieden und völlig fertig palavert die Meute aus dem Stadion, von den Leuten Libertads ist wieder nix zu sehen.

Der Abend wird erstaunlich ruhig ausgeklungen, die meisten verziehen sich auf ihre Zimmer, wir anderen nehmen noch ein paar Bierchen in der lauwarmen Nacht, dann gehts ins Bett.
Am nächsten Morgen folgt der grosse Abschied am Terminal in Asuncion, die Mehrzahl der Leute fährt per Bus nach Buenos Aires, Argentinien, um dort zwei Wochen später das letzte Gruppenspiel ihres Clubs gegen Lanus zu sehen.
Ich bleibe mit einer kleinen Gruppe zurueck, uns steht die weite Rückfahrt nach Lima bevor.
Aufgrund von Geldproblemen verzögert sich die Abfahrt um einen Tag und eine Nacht, am Donnerstagabend können wir die Stadt endlich verlassen.
Bis Sonntagmorgen wird das Sitzfleich gnadenlos beansprucht, als wir in Arequipa ankommen, liegen zwei Tage und drei Nachte praktisch pausenloser Busfahrt hinter uns. Also noch einmal ausspannen und Reisestories erzaehlen, Malandro wird das letzte der drei Trikots für 50 Tacken los, der Co-Trainer hatte sie ihm nach dem Spiel übern Zaun geworfen. Es ist nicht unüblich, das Mannschaft oder Trainerteam ihren Fans auf langen Auswaertsfahrten Geld- oder Materialgeschenke macht, um so den Anhängern einen Teil ihrer Rückfahrt zu finanzieren.
Einer erfolgreichen Ankunft in Lima steht also nichts mehr entgegen, doch imTerminal Arequipas wartet eine letzte böse Überraschung: Alianza Lima, Erzfeind und Stadtrivale Universitarios, hat sich ausgerechnet heute in Arequipa eine 4 zu 1 Klatsche beim Fbc Melgar abgeholt, das hatten bei uns nur die wenigsten aufm Zettel.
Malandro und ich sind die einzigen, die heute Abend noch nach Lima müssen, mit Rucksaecken und zwei kleinen Sporttaschen voller Transpis beladen, betreten wir die volle Halle, die Aliancistas sind ziemlich schnell auszumachen, richtig fiese Typen, ob sie meinen Kollegen, wie er versichert, wirklich “gleich direkt umbringen” würden? Malandro ist jedenfalls über die eigene Fanszene hinaus bekannt und muss sich bis zur Abfahrt der “cagones” hinter Basecap und Sonnenbrille in einem Imbiss verstecken.

Am Montagvormittag erreichen wir Lima, ich komme endlich wieder zu Hause an, zerlaust, zerfilzt, müde und hungrig, aber dennoch überglücklich.
Eine schnelle Dusche und gleich zur Arbeit, ab in den Alltag, die Gedanken wie so oft in ganz anderen Sphären schwebend.

Am Ende gilt der Dank allen Leuten der Trinchera, die mich ohne grosses Aufheben als Begleitung akzeptiert, und mir genauso viel Respekt entgegengebracht haben, wie ich ihnen. Vielen, vielen Dank, gracias a toda la gente y dale “U” por siempre!


8 Antworten auf „Archiv: „Libertad-Universitario 1:1“ aus GZ 141“


  1. 1 timo 28. Mai 2010 um 15:17 Uhr

    klasse bericht!
    wirklich sehr schön zu lesen :)

  2. 2 Jonas 03. Juni 2010 um 19:04 Uhr

    fands echt super!
    wahnsinnig gut beshrieben und auch nicht alles einfach gut geheissen. der flair kommt echt rueber.
    mehr davon!

  1. 1 Ultrà Sankt Pauli 2002 » La Gazzetta d‘Ultrà #148 Pingback am 14. November 2010 um 19:02 Uhr
  2. 2 La Gazzetta d‘Ultrà #148 « Gazzetta d‘Ultrà Pingback am 14. November 2010 um 19:03 Uhr
  3. 3 Ultrà Sankt Pauli 2002 » La Gazzetta d‘Ultrà #149 Pingback am 01. Dezember 2010 um 22:11 Uhr
  4. 4 La Gazzetta d‘Ultrà #149 « Gazzetta d‘Ultrà Pingback am 01. Dezember 2010 um 22:12 Uhr
  5. 5 Ultrà Sankt Pauli 2002 » La Gazzetta d‘Ultrà #150 Pingback am 14. Dezember 2010 um 22:34 Uhr
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