Archiv: „Nicht resigniert, nur reichlich desillusioniert!“ aus GZ 140

Na, kennt ihr diese Liedzeile aus dem Lied „Verdammt lang her“ der Kölner Band BAP? Weitere Textzeilen gefällig? „Wer alles, wenn es dir gelingt, hinter dir her rennt, deine Schulter klopft, wer dich nicht alles hofiert, sich ohne rot zu werden dein Freund nennt…“. Irgendwie passt sie zur aktuellen Situation, auch wenn der Zerstörung der Illusion natürlich ein Prozess von mehreren Jahren zu Grunde liegt, der nun nur letztendlich eskaliert ist. Der erste Teil stimmt dafür umso mehr: nicht resigniert – eher wütend und voller Tatendrang.

Das Ziel dieses Berichts ist es, allen Interessierten einen Einblick in die Entwicklungen der letzten Wochen zu geben. Viele haben uns gefragt, wie der Termin mit dem Präsidium gelaufen ist. Zwar wurde auf dem USP-Treffen davon berichtet, doch denken wir, dass sich noch viel mehr von euch dafür interessieren, gerade weil es Auswirkungen auf die gesamte Kurve und die gesamte Fanszene haben wird.

Am Freitag, den 9. April, waren Vertreter von Ultrà Sankt Pauli zur regelmäßig stattfindenden Präsidiumssitzung des FC St. Pauli eingeladen. Bereits nach dem Rostock-Spiel hatte die Vereinsführung USP aufgefordert, eine Stellungnahme zu den Vorfällen rund um das Spiel abzugeben. Dieser Aufgabe kamen wir bekanntlich gerne nach. Nicht in erster Linie, um das Präsidium zu informieren, sondern vor allem waren die anderen Fans – besonders die in der Südkurve – Adressat unserer Erklärung. Schließlich waren sie es, die von der Gemeinschaftsaktion vieler Gruppen betroffen waren. Die Erklärung ist wohl allen bekannt, wenn nicht, dann kann sie auf der Internetseite von USP nachgelesen werden. Das Präsidium lud uns ein (oder sollte man lieber sagen „vor“), und wollte mit uns unsere Stellungnahme besprechen und diskutieren.

Teilgenommen haben neben den VertreterInnen von USP zwei Vertreter des Fanladens, zwei Vertreter des Aufsichtsrates, Geschäftsleiter Michael Meeske, Organisationsleiter Sven Brux, Sportchef Helmut Schulte, Teammanager und Pressesprecher Christian Bönig, die Vizepräsidenten Marcus Schulz, Bernd-Georg Spies, Gernot Stenger und natürlich Littmann.

USP war im Vorfelde mit zwei Personen vorgeladen worden. Vergegenwärtigt man sich die oben aufgeführte Teilnehmerliste erkennt man deutlich, dass schon die Konstellation des Gesprächs durch das starke Ungleichgewicht der Teilnehmer nicht auf einen konstruktiven Austausch ausgelegt war. Da uns diese Besetzungen schon aus vorherigen Terminen bekannt waren, erschienen wir mit den vier Vertretern, die auch in der Vergangenheit die Kommunikation zum Verein geführt hatten. Der Termin fand in einer der Logen der Südtribüne statt. Das Bild, das sich uns beim Eintritt darbot hatte im wahrsten Sinne des Wortes Symbolcharakter und charakterisiert die Situation im Verein wohl mehr als deutlich. Wenn Littmann eines versteht, dann ist es, sich zu inszenieren. Natürlich saß er am Kopf der Tafel. Die Glaswand zum Rasen und die untergehende Sonne im Hintergrund. Das Licht der Sonne flutete von hinten den Raum, wir konnten außer einem hellen Schein nur die Silhouette seines Körpers wahrnehmen, so dass wir eigentlich zu keinem Zeitpunkt seine Gesichtszüge erkennen konnten. Es war die Inszenierung eines Herrschers. Berichten zufolge ist das wohl so üblich bei Präsidiumssitzungen, aber das alles nur nebenbei, um euch einen Eindruck der Situation zu vermitteln.

Das Gespräch begann mit einem Vortrag von Littmann, dass der FC St. Pauli ja gar wunderbare Fans im Stadion habe, die sich immer so herrlich verrückt einmischen und dass der Verein so eine Protestkultur ja auch befördere. Im Anschluss wurden dann verschiedene Teilaspekte der Stellungnahme diskutiert. Bemerkenswert dabei: zwar wurde immer fleißig betont, dass man sich ja im Klaren sei, dass es sich um eine gemeinschaftliche Aktion verschiedener Gruppen gehandelt habe, doch im Grunde war es einzig und alleine eine Abrechnung mit der Stellungnahme von USP. Niemand hat sich für die vielen Stellungnahmen der anderen Gruppen interessiert, und es würde mich wundern, wenn die von den hohen Herren überhaupt gelesen worden sind. Teilweise entwickelten sich spannende Diskussionen, teilweise erinnerte es aber auch an das Abarbeiten eines Fragenkatalogs. Das Gespräch verlief durchwachsen – ein Mitdiskutant des Präsidiums verließen leider dann und wann den Pfad der Sachlichkeit und glitt in Beleidigungen ab, wurden dann aber wieder von den anderen Teilnehmern beruhigt. Wir haben auf alle Nachfragen ehrlich geantwortet und unsere Meinung zu den verschiedenen Themen dargelegt. Auch wurden während des Gesprächs alle Tonlagen getroffen. Mal stellte man Gemeinsamkeiten fest, mal wurde heftig diskutiert und ab und zu wurde sich ein wenig gezofft. Trotzdem machte alles nicht unbedingt den Eindruck einer Meinungsbildung oder einer offenen Diskussion, sondern wirkte vor allem wegen der konkret formulierten Fragen mehr, als stünde das Ergebnis sowieso schon fest und sollte nur noch in einigen Detailfragen angepasst werden.

Konsequenzen und Folgen, wurden während der gesamten Diskussion ausgeklammert und nicht im Ansatz erwähnt. Für uns war das in Ordnung, denn wir waren nicht da, um mit dem Präsidium irgendeine Art von „Deal“ zu machen, sondern um unsere Meinung zu vertreten. Auf irgendwelche Verhandlungen getreu dem Motto „macht ihr das und das und wir machen dann dieses und jenes“ hätten wir uns von daher sowieso nicht eingelassen. Lediglich Bernd-Georg Spies machte den Vorschlag, sich per Tapete an die Südkurve zu richten und sich zu entschuldigen. Er fragte, ob wir was in der Richtung vorhätten. Wir erklärten, dass wir die Stellungnahme mit dem regelmäßig erscheinenden Flyer an alle Kurvenbesucher verteilen werden und sie außerdem an alle Sitze auf der Südtribüne kleben werden, denn wir wollten uns an die Leute richten, die betroffen waren. Darüberhinaus haben wir deutlich gemacht, dass wir uns für die grundsätzliche Idee der Blockade nicht entschuldigen, wir aber durchaus auf die anderen Fans in unserer Kurve zugehen werden. Die Verkündung der „Ergebnisse“ wurde auf Dienstag nach dem Augsburg-Spiel verschoben. Natürlich nicht, um beim Heimspiel eventuelle Proteste zu vermeiden, sondern weil man noch Zeit brauchte, sich zu beraten. Geschenkt!

Ansonsten ist interessant festzustellen, dass das Präsidium keinen festen Austausch mit irgendwelchen Fangruppen für nötig hält, sondern sich Kontakte anlassbezogen entwickeln sollen. Vor allem, da wurde Littmann dann mal konkret, müsse ja klar sein: „Kein Fan hat dem Präsidium irgendetwas zu sagen“. Als generellen Ansprechpartner haben Fanladen und USP dann den Ständigen Fanausschuss oder den Fanladen vorgeschlagen. Auch wenn damit im Präsidium letztlich keiner so richtig was anzufangen wusste, verblieb das dann einfach mal als Statement im Raum. Dass der gleiche Präsident nach so vielen Jahren Amtszeit dann Berichten zufolge eine Woche später auch nach dreimaliger Erklärung sagt, er wisse nicht, was es mit diesem ganzen Fan-Organisationskram auf sich hat, schafft kaum eine Möglichkeit für eine Kommunikation in der Zukunft.

USP hat alles getan, um auch in dieser verzwickten Situation einen weiteren Austausch möglich zu machen. Wir haben noch einmal sehr deutlich gemacht, dass wir trotz allem die Zukunft in einem fairen Austausch auch mal unterschiedlicher Meinungen sahen. Wir waren wegen der Rostock-Nummer maßlos enttäuscht vom Präsidium, haben uns dennoch als so große und prägende Gruppe vielleicht am Ende zu sehr in der Verantwortung gesehen, nicht alles zusammenstürzen zu lassen. Trotz der krassen Angriffe auf Fußball-Fans, trotz der Dreistigkeit, Lügen immer und immer zu wiederholen und dies sogar noch als Verteidigung der Fanrechte anzupreisen, trotz allem wollten wir den Weg bereiten für eine Zukunft, in der man zum Wohl des FC St. Pauli irgendwie wieder zusammenfinden kann. Die Reaktion der Gegenseite: Null. Das Präsidium hat mehr als deutlich gemacht, wie es das Verhältnis zwischen Fans und Verein definiert. Die Fans die Bittsteller, die beim Verein vorstellig werden dürfen, wenn sie sich engagieren wollen, wenn dann irgendwann im Rahmen des ehrenamtlichen Einsatze über das Ziel hinausgeschossen wird, gibt es Strafe. Immerhin endlich mal ehrlich und alle Fangruppen wissen jetzt mal definitiv bescheid.

Nach gut zwei Stunden endete die Sitzung wie vorher angekündigt ohne Ergebnis, da Herr Littmann auch mal los wollte. Nach einem Plausch mit Pressechef Christian Bönig über die Überlegungen, den Montagsboykott abzusagen, endete unser kleiner Besuch mit einem schönen Sonnenuntergang über den Dächern St. Paulis und einer Club Mate im Fanladen.

Wir wollen euch noch ein paar Infos über die handelnden Personen geben. Viele Fans stellten Fragen zu unserer Einschätzung des Präsidiums und ein Fan fragte per Mail ganz konkret: „Sind das alles die gleichen Schweine?“. Nun, auch da gebietet es die Fairness und die Erfahrung, zu differenzieren, und sicher haben es die meisten Präsidiumsvertreter aktuell auch nicht verdient, pauschal dumpf beleidigt zu werden. Da haben wir unter den Vizepräsidenten zum Beispiel Bernd-Georg Spies, der lösungsorientiert diskutierte und auch in bisherigen Diskussionen immer verbindlich, sympathisch, kompetent und offen, dabei aber auch relativ unauffällig aufgetreten ist. Um einen weiteren Vizepräsidenten handelt es sich mit Gernot Stenger. Er war unserer Meinung nach die größte Enttäuschung bei dem Gespräch, wusste alles besser (kannte die Situation in der Südkurve ohne überhaupt dort gewesen zu sein) und hat in seiner Aufgeregtheit leider oft weder Ton, noch Diskussionskultur noch den Punkt der Auseinandersetzung getroffen. Trotzdem, authentischer Typ, der sich gerne streitet, hinterher aber auch mit einem Händeschütteln aus dem Gespräch gehen kann. Damit können wir eigentlich was anfangen. Als Ansprechpartner und Präsidiumsbeauftragter für Fanangelegenheiten leider trotzdem nicht geeignet. Er hat trotz seiner ehrlichen Bemühungen bedauerlicherweise kaum Verständnis dafür, wie die Fans ticken und was sie bewegt. Nächster Vizepräsident: Stefan Orth. War bei dem Gespräch nicht anwesend, hat sich auch bei anderen Zusammenkünften nicht unbedingt in den Vordergrund gedrängelt. Wenn er was sagt, dann nimmt man ihm ehrliches Interesse ab, und er hat beim Fanräume-Projekt Erfahrung im Umgang mit Fanthemen. Ansonsten kann man wenig zu ihm sagen, was natürlich auch wieder einiges über die Machtverteilung im Präsidium aussagt. Aber ab zum nächsten Namen. Ich bekomme regelmäßig auf den Deckel, wenn ich mich als Fürsprecher für Marcus Schulz oute. Ich habe seine Arbeit für unseren Verein immer absolut geschätzt. Rein fachlich hat er meiner Meinung nach einen Wahnsinns-Job gemacht und kann sich auf die Fahne (falls das nicht schon ein zu großes „Privileg“ sein sollte) schreiben, einen großen Teil der finanziellen Entwicklung und Konsolidierung geprägt zu haben. Auch in Fanthemen habe ich ihn in der Regel als fairen, meist ehrlichen Diskussionspartner mit interessanten Ansichten erlebt. Er ist ein richtiger St. Paulianer, hat meiner Meinung am meisten Verständnis für Fan-Themen und hat sich durch einige Taten (Chemnitz-Nazi-Fahne in Eigenregie entfernt et cetera) und einige Äußerungen, die aktuell nicht an die Öffentlichkeit gehören, meinen Respekt verdient – auch wenn andere Äußerungen etwas unseriös anmuteten. In der aktuellen Auseinandersetzung, auch in der Diskussion am beschriebenen Freitag, aber leider völlig neben der Spur. Unsachliche Kritik, Verdrehung von Fakten und spitze Kommentare. Gerade so, als hätten wir ihm eben gerade die Brieftasche geklaut. Kein offener Austausch, sondern suggestiv bis zum dorthinaus – zumindest am Freitag ganz schlechte Diskussionskultur. Schade! Im Endeffekt entscheidet jedoch König Littmann von St.Pauli. Wenn er spricht, schweigen alle anderen – und das tut er ja viel und lange. Dabei ist er nicht an Lösungen interessiert, die einen Kompromiss bedeuten, und das ist ja seit vielen Jahren das Problem eines Vereins, in dem eben viele Interessenslagen kombiniert werden wollen. Er stellt seine gefühlte Überlegenheit den anderen Präsidiumsmitgliedern gegenüber offen zur Schau und versteht es gut, durch Verdrehen und Auslassen von Dingen seinen Vorteil zu manifestieren. Littmann versucht, falsche Darstellungen durch ständiges Wiederholen glaubhaft zu machen. Dabei verpackt er seine Meinung in schwammigen Darstellungen und Monologen, in denen er sich wie ein Aal aus aller Kritik herauswindet. Klar ist, dass wir unsere Kritik an das gesamte Präsidium richten (müssen), denn auch wenn sicher nicht alle Leute diesen Groll gegen uns Fans richten, dann tragen sie dennoch eine Mitverantwortung, indem sie einen Despoten, der sich in diesem Bereich immer wieder selbst mit Absurditäten überbietet, decken.

Soweit der Bericht zur vermutlich letzten Diskussion zwischen den Ultras von Sankt Pauli und dem Präsidium in seiner aktuellen Zusammensetzung.

Beate Ouzo