Archiv: Interview Athens Klub aus GZ 127

Teile vom Interview mit dem Athens Klub gab es schon mal auf dem USP-Blog, aber jetzt gibt es das ganze Teil nochmal in voller Länge hier. Sehr empfehlenswert auch die klubeigene Seite ..

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Seit Januar 2007 gibt es organisierte Sankt Pauli-Fans in der griechischen Hauptstadt Athen. Gut 2000 Kilometer vom Millerntor entfernt treffen sich die Mitglieder des St. Pauli Athen Klubs, um die Spiele live zu schauen, über unsere Mannschaft zu diskutieren oder Reisen nach Deutschland zu organisieren. Auch andere Aktivitäten und der politische Anspruch kommen nicht zu kurz.

Wann genau wurde der Athen Klub gegründet?
Den Sankt Pauli Athen Klub gibt es nun schon seit Anfang 2007, also schon über 3,5 Jahre. Seitdem ist der Klub eigentlich kontinuierlich aktiv gewesen.

Wie kam es zu der Gründung?
St. Pauli war in Griechenland zwar schon irgendwie ein Begriff, aber bevor das Internet es so einfach gemacht hat, sich zu informieren, war das nicht so ausgeprägt. Doch viele Leute kannten die Mannschaft, natürlich vor allem wegen der Fanszene und all‘ den Mythen, die mir ihr verbunden sind. Vor einigen Jahren hat jemand, der sowieso einen engen Bezug zu Hamburg und zu St.Pauli hatte, ein Jahr in Hamburg gelebt und ist dann natürlich regelmäßig ins Stadion gegangen. Jahre nach seiner Rückkehr nach Athen hat er ein Posting im Internetforum von St. Pauli gefunden, in dem ein anderer Grieche nach St.Pauli-Fans in Athen gefragt hat. Diese Beiden haben sich dann getroffen und gemeinsam die Sache gestartet. Also eine Mischung aus Zufall und persönlichen Erlebnissen von Einzelpersonen.

Du sprichst, die Mythen an, die der Fanszene und dem Verein vorauseilen. Kannst du das genauer beschreiben?
Viele Leute in Griechenland haben ein sehr stilisiertes Bild von St. Pauli, auch begünstigt durch die teilweise sehr klischeehafte Berichterstattung in den Medien. Ich erinnere mich an einen Bericht in einer der größten griechischen Zeitungen mit dem Titel „Rock, Fußball, Porno“ in dem alle Klischees, die so kursieren, wirklich überstrapaziert worden sind. Sowas prägt natürlich. In der Wahrnehmung vieler bewegt sich alles zwischen Rock- und Punkmusik, Underdog-Fußball, Anarchismus, Antifa-Hooligans, absoluter Begeisterung für die Mannschaft, das Anrüchige durch das Umfeld, Antifaschismus, Rüpelhaftigkeit, der Kampf gegen den modernen Fußball und sowas halt. Das ist für sehr viele Leute einfach ungeheuer sympathisch und liebenswert. Es war auch für viele die Motivation, sich mehr mit St. Pauli zu beschäftigen und so immer mehr zu erfahren. Die Leute im Athen Klub haben da nun ein differenzierteres Bild, da wir uns viel mit allem rund um den FC St. Pauli beschäftigen.

Was für Leute befinden sich im Athen Klub und im Umfeld?
Es sind Leute, die sich aus verschiedensten Gründen für St. Pauli interessieren. In der Regel sind es natürlich Fans anderer griechischer Vereine, die St. Pauli mögen und interessant finden. Doch es gibt auch Fans, die keiner anderen Mannschaft folgen. Oder auch erst seit einiger Zeit keiner Mannschaft mehr folgen, die einfach zu enttäuscht von der Entwicklung, vom modernen Fußball sind. Hinzu kommen Linke und Anarchisten, die etwas mit St. Pauli verbinden.

Gibt es da keine Probleme mit den verschiedenen Fans? Aus Griechenland kennt man ja den großen Fanatismus der Fans und ihre Identifikation mit ihrem Team.
Nun, es gibt natürlich die Neckereien, die man erwarten kann, aber in den Momenten sind wir alle für St. Pauli da ,und wir versuchen, unsere anderen Vereinszugehörigkeiten da so weit wie möglich herauszuhalten. Es mag sein, dass es für einen Olympiakos-Fan einfacher ist, sich mit anderen Olympiakos-Fans zusammenzusetzen, aber im Grunde kommen wir alle super miteinander aus. Bisher haben alle die anderen respektiert und es gibt einfach fast keine Gespräche über die anderen Teams.

Sind die Fans im Athen-Klub denn eher Sympathisanten oder richtige Fanatiker ihrer jeweiligen Mannschaft?
Auch da gibt es natürlich keine Einheitlichkeit. Einige fühlen sich einfach einer griechischen Mannschaft zugehörig, so ganz locker. Andere sind schon wirklich stark involvierte und organisierte Fans oder Ultras ihres Teams.

Der Name des Klubs deutet ja einen gewissen Athen-Zentrismus an. Stimmt das?
Nein, das würde ich nicht sagen. Bei uns sind Fans aller Mannschaften willkommen und finden sich auch. Auch zum Beispiel Fans von Vereinen aus dem nordgriechischen Thessaloniki, die in Athen wohnen. Genauso wie von vielen anderen kleineren Teams außerhalb von Athen. Wir stehen immer mal wieder in Kontakt mit solchen Interessierten. Allerdings befindet sich der Klub nun mal hier in Athen. Hier wurde er gegründet und hier finden alle seine Aktivitäten statt.

Was für Aktivitäten sind denn das?
Wir schauen jedes Heim- und Auswärtsspiel gemeinsam in einer Bar im Athener Stadtteil Exarchia auf einer großen Leinwand, machen danach unsere wöchentliche Besprechung und diskutieren verschiedene Themen. Wir planen Reisen zu Spielen nach Deutschland. Schon zweimal haben wir hier in Athen St. Pauli-Partys organisiert, die ein großer Erfolg waren. Hinzu kommen oft politische Veranstaltungen, an denen wir teilnehmen und uns beteiligen. Ganz wichtig ist noch unsere Internetseite. Die Seite vom Athen Klub ist unter www.fcstpauli.gr zu finden. Das Wesentliche ist für uns dort das Forum, indem wir auch viele Dinge besprechen, in Kontakt bleiben, Sachen planen und einfach kommunizieren. Es gibt dort auch einen englischsprachigen Bereich, in den wir an dieser Stelle nochmal alle Interessierten herzlich einladen möchten! So könnten wir uns alle viel besser vernetzen und würden mehr von einander mitbekommen. Im Grunde versuchen wir, auf der Seite eine Berichterstattung über unsere Mannschaft für griechische Fans zu bieten, für Leute, die sich über Sankt Pauli informieren wollen. So gibt es zu jedem Spiel einen Bericht auf Griechisch und auch so hin und wieder Artikel über die aktuelle Situation.

Wie viele Mitglieder hat der Klub. Wie viele Leute kommen zu den Veranstaltungen?

Der Klub hat circa 40 Mitglieder, die einen halbjährlichen Beitrag zahlen. So wird die Existenz des Klubs möglich gemacht. Bei den Spielen kommen durchschnittlich 15-30 Leute zusammen. Bei wichtigen oder besonderen Spielen auch mal mehr. Im Forum beteiligen sich immer so 20 Leute an den Diskussionen, die den Klub betreffen. Bei den beiden Partys waren jeweils weit über 1000 Leute. Natürlich versuchen wir auch, Reisen nach Hamburg oder zu den Auswärtsspielen zu organisieren. Beim letzten Spiel gegen Hansa Rostock waren zum Beispiel 12 Leute vom Athen Klub in Hamburg. Die Idee am Anfang war allerdings eine andere: es sollte eigentlich eher ein Internet-Club sein, eine Plattform für St. Pauli-Fans aus Griechenland. Das kann man auch an der Seite noch sehen, auf der es aktuell 545 Mitglieder gibt. Hinzu kommen die, die regelmäßig die Seite besuchen, aber sich nicht registriert haben, so dass sie nicht ins Forum posten, sondern nur lesen können.

Gab es schon öfters Ausflüge nach Hamburg? Sind weitere geplant?
Ja, es gab schon einige. Das größte im Rahmen des Klubs Organisierte war beim Heimspiel gegen Hansa, wo 12 Leute gekommen sind. Dann noch beim Spiel gegen Mainz, vorletzte Saison auswärts in Gladbach mit dem USP-Bus, eine Woche davor beim Heimspiel gegen 1860 und einzelne Personen sind mehrmals gefahren, vor allem zum den Pokalspielen. In dieser Saison sind ebenfalls Besuche geplant. Vor allem wegen der guten Flugverbindung nach Berlin haben wir das Spiel dort ins Auge gefasst. Aber auch so natürlich einige Spiele, bei denen ein Besuch vielleicht möglich ist. Das Spiel gegen Rostock ist natürlich wieder sehr reizvoll für viele. So eine Reise bedeutet für uns immer einen großen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Wenn dann noch so Dinge wie die späte Terminierung der Spiele dazukommen, dann wird es einem schon sehr schwer gemacht, seine Mannschaft zu unterstützen.

Wo wart ihr im Stadion, wenn ihr in Hamburg wart?

Ich war früher fast immer in der Nordkurve, weil meine Bekannten, die Leute von „Bright Side St. Pauli“, dort ihre Stammplätze hatten. Andere in der Regel in der Gegengerade. Seit die neue Südkurve steht waren wir natürlich immer dort.

Du hast vorhin erwähnt, dass ihr euch im Athener Stadtteil Exarchia trefft – dort, wo auch die Party stattfand. Erzähl uns kurz etwas über Exarchia.
Exarchia ist im absoluten Zentrum von Athen. Es gilt als alternativstes Viertel in Athen. Es ist vielleicht ein wenig mit dem Schanzenviertel in Hamburg vor 15 Jahren vergleichbar. Jedenfalls ein bisschen. Viele Studenten, Linke und Anarchisten wohnen in Exarchia und es gilt daher als Hochburg der anarchistischen Szene, die in Griechenland sowieso stark ist. Die Polizei kommt in der Regel nicht nach Exarchia. Schon mehrfach wurden sie von den Bewohnern direkt angegriffen, wenn sie sich ins Viertel gewagt haben und es kam dann in der Regel zu schweren Auseinandersetzungen. Oft ist Exarchia abends und nachts komplett von Bullen umstellt, die aber nicht hineinkommen. Das führt dazu, dass sie an den Viertelgrenzen oft angegriffen werden, auch mit Molotow-Cocktails oder solchen Dingen. Auch Demonstrationen endeten in der Vergangenheit oft in der Nähe von Exarchia um einen Rückzugsraum und Schutz vor den Angriffen des Staates zu schaffen. Vor ein paar Wochen hat jemand auf einen vorbeifahrenden Polizeibus geschossen. Das Viertel liegt direkt an der ehemaligen polytechnischen Hochschule, die 1973 zum Symbol des Widerstands gegen den griechischen Faschismus wurde. An der anderen Seite grenzt Exarchia übrigens an eines der sehr reichen Viertel Athens, an Kolonaki. Jedenfalls treffen wir uns in Exarchia, sind dort auch teilweise in Projekten aktiv und haben dort auch auf einem Hügel unter freiem Himmel die Party veranstaltet.

Erzähl‘ noch kurz was von der letzten Party. Es ist ja schon besonders, dass dort so viele Leute kommen!

Ja, absolut. Wie gesagt, St. Pauli hat einfach einen riesengroßen Sympathisanten-Kreis in Griechenland, besonders im Athener Stadtteil Exarchia. Wir freuen uns darüber natürlich sehr, zumal es auch nicht irgendeine Party war, bei der wir eine St. Pauli-Fahne aufgehängt haben, sondern es war eine reine St. Pauli-Party vom St. Pauli Athen Klub. Sie stand unter dem Motto: „Kick fascism out of your life! Kick Nazis out of football!”. Bei den weit über 1000 Besuchern sah man richtig viel St. Pauli Merchandise, nicht nur die Shirts vom Athen Klub, sondern auch Sachen aus Hamburg, sowohl von den Ultras als auch aus dem offiziellen Sortiment. Besonders der Totenkopf hat es den Leuten angetan. Es gab bei der Party sechs Liveauftritte aus den Bereichen Reggae, Punk, Dubstep und Drum n´ bass, die für richtig gute Laune sorgten. Ich glaube, alle Besucher waren zufrieden. Wir haben so viele Shirts verkauft und so viele Leute haben sich weiter über St. Pauli informiert. Wir hatten einen entsprechenden Text über unsere Mannschaft vorbereitet und den verteilt. Ich glaube, an dem Abend hat St. Pauli nochmal viele Freunde in Griechenland gewonnen.

Also ist Sankt Pauli einmal im Jahr ein großes Thema!
Sankt Pauli spielt auch sonst eine Rolle. Eine bekannte Drum ´n Bass Crew hängt bei Auftritten manchmal eine St. Pauli-Fahne vor das Pult, und auch so sieht man oft Leute mit St. Pauli-Utensilien auf Athens Straßen. In jedem Stadion sind Leute mit St. Pauli-Shirts und mit dem Shirt des Athen Klubs zu finden, das wir unter anderem bei der Party verkauft haben.

Habt ihr das Gefühl, dass das in Hamburg und auch beim Verein entsprechend wahrgenommen wird?
Nun, wir machen das ja in erster Linie für uns und sehen uns vor allem als Teil der Fanszene von St. Pauli – wenn auch ein Teil, der räumlich sehr weit weg ist. Was soll der Verein auch groß machen? Wir hoffen, dass es im Verein zumindest wahrgenommen wird, dass sich hier Leute so engagieren. Ich denke, dass wir dem Verein durchaus schon etwas gebracht haben, sei es Bekanntheit, Berichterstattung oder ganz direkt Verkauf von Merchandise. Schon mehrfach war der Athen Klub Ansprechpartner für Fragen über St. Pauli in griechischen Medien. Aber wie gesagt, wir wollen ein Teil der Fanszene sein, wenn wir in Hamburg sind ein Teil der Südkurve, ein Teil der Ultras von St. Pauli. Daher haben wir uns auch so über das „We love Athen Klub“-Banner gefreut, das bei einem Heimspiel in der letzten Saison in der Südkurve gezeigt wurde.
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Was fehlt euch bisher? Was würdet ihr euch wünschen?
Mehr Information und mehr Teilhabe, auch wenn das schwierig ist und wir selber nicht genau wissen, wie das aussehen könnte. Der Informationsfluss ist in den letzten Monaten schon besser geworden, aber wir bekommen von vielen Sachen leider noch immer zu wenig mit. Es liegt eben auch an der Sprachbarriere. Natürlich kann kaum jemand Deutsch verstehen. Es wäre zum Beispiel toll, wenn es auf der offiziellen Internetseite auch ein paar aktuelle Informationen auf Englisch gäbe. Man kann ja noch nicht mal Sachen beim offiziellen Fanshop bestellen, weil es nicht auf englisch verfügbar ist. Das schreckt viele ab. Wir freuen uns über Bilder und sonstige Dinge aus Hamburg, die für euch vielleicht ganz alltäglich und unspektakulär sind. Aufkleber, Hefte, Kleinkram aus dem Vereinsmerchandise,… wir bekommen hier ja nicht mal einfach ein Mannschaftsfoto oder sowas. Dabei wissen wir vielleicht sogar in manchen Sachen mehr über die Spieler als manche von euch ( ;-) ), weil ihr immer im Stadion seid. Wir verfolgen die Entwicklung jedes Spielers ganz genau.

Gibt es etwas, das euch in der deutschen Fanszene durch eure Sozialisation als Fußballfans in Griechenland fremd ist?

Ja, da gibt es schon einiges, über das wir uns manchmal wundern. Vieles ist uns natürlich durch Verbote erklärbar, aber ich glaube, dieser große Respekt vor Regeln und Behörden ist in Deutschland besonders ausgeprägt. Das ist mir während meiner langen Zeit in Hamburg aufgefallen, und auch andere haben davon immer wieder berichtet, wenn sie in Deutschland waren. Zum Beispiel das Thema Pyrotechnik. Verboten sind diese Sachen auf der ganzen Welt, aber wir wundern uns sehr, warum das in Deutschland scheinbar total akzeptiert wird. Und eben auch befolgt. Hier in Griechenland gehen die Vereine jeden Dienstag zum Gericht und begleichen die Rechnung vom Wochenende. Sie planen das einfach schon im Budget ein. Wir haben auch von Fans gehört, die sich davon total distanzieren und können nicht verstehen, wie man sich so sehr von Regeln und Behörden vorschreiben lässt, wie man seinen Fanatismus auslebt. Natürlich können wir es teilweise auch nachvollziehen, denn es wurde offensichtlich ein System geschaffen, so dass Pyrotechnik letztlich direkt die Vereine durch Strafen schädigt. Das ist schwer zu fassen. Wir könnten auch die, hm… sagen wir mal Unemotionalität weiter Teile der Fans nennen. Ich meine nicht nur Gesänge oder sowas, sondern die generelle Atmosphäre. Manchmal haben wir das Gefühl, die Identifikation mit den Mannschaften ist nicht so groß, wenn in weiten Teilen des Stadion die Leute einfach nur rumsitzen und höchstens ab und zu mal über den Schiedsrichter schimpfen. Die positive Seite davon ist natürlich, dass es auch nicht so schnell zu Unmutsäußerungen gegen das eigene Team kommt. Jemand der hier am Anfang des Spiels noch ein großer Held war, ist nach einem verpatzen Einwurf plötzlich der große Hurensohn. Außerdem die scheinbar oft fehlende Solidarität aller gegen Angriffe von außen. Sei es mit weiteren Einschränkungen oder ganz direkt durch Bullen oder Ordner. Man muss doch aufeinander achten, wenn es zu einem Kampf kommt und darf niemanden zurücklassen. Wir sehen manchmal Videos, wo Fans in Deutschland mitten zwischen anderen Fans festgenommen werden. Die anderen stehen daneben und schauen zu. Wie ist sowas möglich? Ein weiteres Beispiel wäre das Klauen von Sachen des Gegners. Hier ist das ein elementarer Bestandteil des Fandaseins, in Deutschland doch eher ein Randphänomen, oder?

Nun, es kommt schon vor, besonders zwischen den Ultra-Gruppen.
Ja, aber hier und in vielen anderen Ländern ist es ja viel mehr als ein Spiel zwischen zwei Gruppen. Wenn in den Kurven geklaute Fahnen des Gegners gezeigt werden, dann finden das die meisten im Stadion gut und denken sich: „Super, da haben die Jungs aus der Kurve wieder ganze Arbeit geleistet“. Ich habe das Gefühl in Deutschland wäre der erste Gedanke, dass das ja verboten und daher nicht in Ordnung sei. Dabei geht es doch gerade um die Vorherrschaft. Man ist doch sehr getroffen, wenn man eigene Sachen in den Händen der Gegner sieht und freut sich über jede Trophäe, die man dann selber entgegenzusetzen hat. Ich glaube auch, die eigenen Sachen haben hier eine viel größere Bedeutung. Niemals könnten Anhänger des Gegners mit ihren Schals oder Fahnen vor dem eigenen Stadion oder im Umfeld herumlaufen, wenn es sich nicht um befreundete Fans handelt.

Dazu kommt es ja eh nicht so oft. Wir haben das Gefühl, dass es zu kaum Spielen mehr Auswärtsfans gibt. Täuscht der Eindruck?
Es gibt schon noch viele Spiele mit Auswärtsfans, gerade „kleine“ Spiele. Die beiden beteiligten Vereine können das jeweils regeln. Nur bei den großen Athener Derbys gibt es wegen einiger Vorkommnisse in der Vergangenheit in der Regel keine Auswärtsfans. Die Regelung ist auch noch relativ neu und gilt zum Beispiel auch für Basketballspiele oder sonstwas. Dann kommen oft Eitelkeiten oder andere Dinge dazu, so dass sich die Vereine nicht einigen und es keine Auswärtsfans gibt. Olympiakos gibt zum Beispiel so gut wie nie Karten an den Gastverein, was dazu führt, dass die Fans von Olympiakos im Gegenzug auch fast nie fahren dürfen. In Thessaloniki zum Beispiel gab es letzte Saison den Streit, da die Stadien von PAOK und ARIS überhaupt nicht vergleichbar sind. PAOK sollte von Aris nur rund 2000 Karten bekommen, so viel wie in den kleinen Gästeblock eben passen. PAOK wollte daher auch nur 2000 Karten an Aris geben, obwohl sie ein viel größeres Stadion haben, in das viel mehr Aris-Fans passen würden. So konnte man sich nicht einigen und am Ende fanden alle Derbys ohne Gästefans statt. Eine Ausnahme bilden generell Spiele, bei denen es definitiv um etwas geht. So zum Beispiel im Best-of-Five im Basketball falls es ein fünftes Entscheidungsspiel geben sollte oder eben das Pokalfinale im Fußball. Dieses Jahr standen sich in Athen AEK Athen und Olympiakos gegenüber. Praktisch die gesamte Tribüne war gesperrt (gut 15.000 freie Plätze), in den Kurven waren jeweils 25.000 Fans jedes Teams.

Und halten sich die Fans an die Regelungen und kommen wirklich nicht?
Im Großen und Ganzen ja. Sie haben einfach keine Wahl. PAOK-Fans sind mal in großer Zahl trotz Verbots zu einem Auswärtsspiel gefahren und haben vor dem Stadion schwere Ausschreitungen angezettelt um reingehen zu können. Aber in der Regel, gerade in Athen, halten sich alle dran. Es geht einfach nicht anders. Wie sollen sie trotzdem kommen? Wenn sie sich irgendwo sammeln bekommt es die Polizei sofort mit und verhindert, dass sie sich dem Spielort nähren. Mit Motorrädern vielleicht? Auch das wird sofort bemerkt, wenn es viele sind. Bleibt die Möglichkeit, einfach unerkannt zum Spielort zu gehen und sich dort zu sammeln, aber wie realistisch ist es, wirklich nicht erkannt zu werden. Und wie viele können das machen, bevor es auffällt. Vielleicht 30 Leute auf einem Haufen vor dem anderen Stadion. Das würde sich niemand trauen. Sie müssten Angst haben, zu sterben. Wie vorhin schon gesagt, sie hätten nicht eine Gruppe Hooligans oder Ultras als Gegner, sondern fast alle würden sich an ihnen stören und ihnen an den Kragen wollen. Schon wenn sie das Auto parken würden, würden Leute anfangen, sie zumindest zu beschimpfen, das würde andere aufmerksam machen. Nach zehn Meter wäre Schluss. Nicht ohne Grund finden zurzeit die schwersten Ausschreitungen in Nischen, zum Beispiel beim Volleyball in fremden Städten, statt, wo es kaum Polizei und normale Fans gibt.

Kommen wir zurück in die braun-weiß-rote Welt! Seid ihr eigentlich ein eingetragener Fanclub?

Nein, wir wollten das bei unserem letzten Hamburg-Besuch endlich mal erledigen, aber es ist an organisatorischen Dingen gescheitert. Es steht also noch immer aus. Wobei es unser alltägliches Leben hier natürlich nicht verändern würde. Auch von den anderen kleinen Vorteilen würden wir leider kaum profitieren können, so dass es sich eher um eine symbolische Anmeldung handeln würde. Aber: es ist noch immer geplant.

Habt ihr ein eigenes Banner?
Ja, haben wir. Es gibt sogar mehrere Banner von Griechen und sogar vom Athen Klub. Wenn wir bei Spielen anwesend sind würden wir es gerne in der Südkurve aufhängen. Bisher hing es einige ganz wenige Male in der Nordkurve, weil es von Bekannten, von den Leuten der Bright Side, mitgenommen wurde.

In der Fanszene gibt es natürlich immer wieder viele Diskussion um dieses und jenes. Gerne diskutieren wir aus diversen Gründen Vermarktungsaktionen unseres Vereins. Zuletzt eben den Verkauf des Stadionnamens oder ein Einführung eines Getränks mit dem Namen „Kalte Muschi“, das als sexistisch kritisiert wird. Bekommt ihr davon was mit?
Meistens bekommen wir davon nicht viel mit. Ab und zu hören wir Kleinigkeiten und Gerüchte, die wir uns dann gegenseitig erzählen und weitergeben. Viel einfacher ist es, über die sportliche Lage Informationen zu finden. Daher sind solche Diskussionen über Vermarktung und ähnliches nicht sehr häufig hier. Uns fehlen einfach die Informationen.

Sind solche Diskussionen auch in griechischen Fanszenen bekannt?

Schon, aber es geht vor allem darum, wie der Verein organisiert ist, wer ihn führt und wie die Machtverhältnisse sind. Eigentlich nie um bestimmte Marketing-Aktionen. Klar nervt es sehr viele, dass die Werbung im Stadion so unfassbar laut ist, aber es gibt nie eine Initiative gegen solche Sachen. Oder Trikotfarben oder so was. Die Lieblingsbeschäftigung hier in den Fanszenen sind die Bewertungen von Transfers und Kritik am Trainer. Man sieht es auch daran, dass regelmäßig Tausende die neuen Spieler ihres Vereins am Flughafen begrüßen. Das sind die Themen, die bewegen. Man beschäftigt sich täglich mit seinem Verein und will alles wissen. Es gibt neun tägliche Sportzeitungen in Athen, über jeden Verein berichtet mindestens eine Zeitung täglich schwerpunktmäßig, andere sind eher allgemein orientiert. Hinzu kommen diverse Radiostationen, die nur über Sport berichten und sehr oft dem Hörer das Wort geben. Sport, vor allem Fußball und Basketball, spielt eine sehr große Rolle in der griechischen Gesellschaft.

Bevor wir zu einem anderen Thema kommen sei eine Zwischenfrage gestattet. In letzter Zeit hat man manchmal davon gehört, dass es einzelne Kontakte zwischen hsv-Fans und Olympiakos-Fans gibt. Habt ihr davon gehört?

Also, das haben die Leute im Klub, die sonst zu Olympiakos gehen, auch schon gehört und dann immer mehr nachgeforscht. Die Frage ist ein bisschen überraschend. Keiner weiß etwas davon, es klingt eher wie eine urbane Legende. Die Wahrheit ist, dass Fans von Olympiakos zum Champions League-Spiel nach Bremen gefahren sind. Ein Teil der Reise war ein Aufenthalt in Hamburg, wo sie in einer Kneipe hsv-Fans kennen gelernt haben. Zwei Tage später wurden diese paar Leute von den hsv-Fans zu einem ihrer Spiele eingeladen. Sie haben sich gut verstanden und einen netten Abend verbracht. Irgendwann kamen dann mal Fans aus Hamburg nach Piräus und glaube ich auch einige wenige zum Pokalfinale. Aber es gibt keine merklichen Anzeichen einer Freundschaft – keine Banner hängen, nicht mal was ganz kleines. Die Olympiakos-Fans aus unserem Klub haben niemals auch nur einen Aufkleber vom hsv im Gate 7 gefunden oder so was. Es kommt relativ grundsätzlich dazu, dass die Fans von Olympiakos nicht sehr an Fanfreundschaften und internationalen Kontakten interessiert sind. Nur mit Roter Stern Belgrad gibt es was richtig Großes. Anders als beispielsweise Panathinaikos oder AEK.

Okay, wie auch immer. Lass und noch über die generelle Situation in Griechenland und in Athen sprechen. Viele Leute interessieren sich dafür, aber wir bekommen in Deutschland davon natürlich in der Regel wenig mit. Im letzten Dezember wurde ein 15-Jähriger von der Polizei erschossen, als er mit seinen Freunden ausgehen wollte. Griechenland wurde von wochenlangen Unruhen erschüttert. Die Bilder gingen um die Welt. Was hat sich verändert?
Die Gewalt ist damals auf den Straßen von Athen und im ganzen Land explodiert. Die tiefe Unzufriedenheit mit der griechischen Gesellschaft brach auf. Was sich verändert hat ist vielleicht, dass viel mehr Jugendliche sich in politischen Dingen engagieren. Es ist offensichtlich, wie wütend die Jugend ist, wie wenig sie die Regierung mögen und wie kritisch sie dem Staat gegenüber sind. Ganz konkret hat sich die Repression verschlimmert. Es gibt neue Polizeieinheiten (eine Motorradeinheit zum schnellen Eingreifen) und auch neue Waffen für die Beamten. Übrigens, erst vor wenigen Wochen wurde der letzte Gefangene der Unruhen nach einem 49-tägigen Hungerstreik aus dem Gefängnis entlassen.

Man hört fast täglich Schreckensmeldungen über die Situation der Flüchtlinge in Griechenland.

Die Situation ist schlimm und es scheint keinen Ausweg zu geben. Die Polizei hat Flüchtlingsunterkünfte zerstört, räumt von Migranten besetzte Häuser und der griechische Staat plant offenbar, so viele Flüchtlinge wie möglich in Lager zu bringen und sie wieder in Richtung Türkei abzuschieben. Man muss sagen, dass die anderen EU-Länder Griechenland mit einem Problem allein lassen, dass sie alle angeht. Das so genannte Dublin-Abkommen schreibt vor, dass der Staat, in dem ein Migrant das erste Mal europäischen Boden betritt, für ihn zuständig ist. Durch die relativ offene Grenze der Türkei mit Griechenland kommen sehr viele Menschen nach Griechenland, die dann von hier nicht weiterkommen. In der Hafenstadt Patras hoffen tausende Menschen unter dramatischen Umständen vergeblich, auf eine Fähre nach Italien zu kommen. Griechenland kann die Masse an Menschen einfach nicht verarbeiten. Die Zustände sind katastrophal. Die Menschen leben im Zentrum von Athen in verlassenen Häusern ohne Wasser und Strom. Und auch so ist die Situation mit Deutschland nicht zu vergleichen. Es gibt überhaupt keine Gesundheitskontrollen oder Ähnliches. Die Einwanderung nach Deutschland in der 60ern war zum Beispiel ganz anders. Damals wurde nach Arbeitskräften gefragt, heute ist es hier einfach unkontrollierbar. Hinzu kommt, dass die Entwicklung für Griechenland noch sehr neu ist und wir hier kein klassisches Einwanderungsland sind. Es gibt einfach noch kaum Erfahrungen mit solchen Massen an Migranten. Es existiert eine Solidaritätsbewegung für die Flüchtlinge. Der Athen Klub steht zum Beispiel in Kontakt mit Initiativen und wir helfen gerne. Es gibt von vielen politischen Gruppen Demonstrationen für die Rechte der Migranten. Die Lage ist schlimm.

Was erwartet ihr sportlich von der kommenden Saison?

Unser größter Traum ist der Aufstieg. Wir wünschen uns das aus vollem Herzen. Das Team hat einen besseren Start als erwartet hingelegt, und wenn unsere Jungs weiter so spielen, dann kann es zum Vereinsjubiläum eine richtig historische Saison werden. Wir werden das Team so viel wie möglich unterstützen. Erwartet uns bei der Aufstiegsparty am letzten Spieltag und beim Pokalfinale in Berlin!!