Archiv: „Good vibes Ultrà Sankt Pauli“ aus GZ 87

Mal was etwas älteres, diese Packungsbeilage aus Gazzetta Nr. 87 erschien nämlich schon im April 2007 und doch ist der Artikel angesichts von frustrierenden Momenten, Diskussionen und manchmal vorherrschender Verwirrung immer noch aktuell und erfrischend aufmunternd. Er erinnert an die wichtigsten Dinge in unserem Kosmos, die wir niemals vergessen sollten.

Aufmerksame LeserInnen der Packungsbeilage werden die Zäsur dieser Kolumne erinnern, als ich nach der 4 zu 0-Niederlage gegen Köln 2 im Südstadion und dem damit einhergehenden Fanverhalten ankündigte, die Packungsbeilage nur noch für USPlerInnen und potenzielle Sympathisanten zu schreiben. Zu herbe war die Enttäuschung und zu stark der Glaube, man könne bestimmte Leute bekehren oder beeinflussen, dafür ist ihre Meinung zu verhärtet, der Hass zu groß und der Alkoholpegel zu weit fortgeschritten. Auch heute ist dieses noch so, vor den kommenden Worten musste es aber als Einleitung dienen.

Viele verschiedene Fans von St. Pauli jeglichen Alters oder Fraktion haben sich in den letzten Monaten vermehrt auf die Suche nach Unterschieden gemacht, anstatt bei uns allen die Gemeinsamkeiten zu suchen. Wir sind Fans, unterschiedlichster Art, aber mit dem Betreten des Stadions (Gästeblock und Rasen mal ausgenommen) sind wir alle Fans von St. Pauli.

Bei der viel zu emotionalen AoMV wurden Aufsichtsratmitglieder als Arschloch, fette Sau und Wichser bezeichnet, kritische Mitglieder wurden ausgepfiffen und selbst nach einem Kompromiss (wie faul er auch für einige sein mag) wird nicht verpasst, gegen die andere Seite zu fronten. Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir die Steilvorlage nicht annahmen, Littmann nicht unterbrochen haben und andere Redner nicht ausgepfiffen oder sogar beschimpft haben. Wer pöbelt, hat keine Argumente. Das mussten auch die VerteilerInnen der Gegengerade und SpendensammlerInnen an den Eingängen feststellen. Diese Aufgaben werden- was ich super finde- von unseren jüngsten Mitgliedern gemacht. Dort werden sie zu Blitzableitern der Wut und als Fotzen und Kindergarten bezeichnet, meine Bewunderung haben sie, dass sie eben jenes überhaupt noch ertragen. Ich bin froh über die Tatsache, dass junge Leute zu uns kommen, dass sie einen Verein gut finden, der nur Scheiße zusammen spielt, dass sie nicht nur Playstation und Stefan Raab geil finden, sondern es auch lieben, in der Flora auf den Knien rumzurobben um Tapeten zu malen. Ich bin dankbar, dass es noch Jugendliche gibt, die von der Politik nicht völlig verbittert sind und sie kopfschüttelnd ablehnen, sondern sich zu aktiven AntifaschistInnen entwickelt haben. Ich mit außerdem froh, dass sie open minded genug sind, um sich etwas anzukucken und dort engagieren, weil es ihrem Ding entspricht. Es werden welche wegbrechen und einige werden Ihre Interessen wieder vom Fußball wegbewegen, aber die meisten werden in fünfzehn Jahren unsere Kurve stellen, auswärtsfahren und für Sankt Pauli singen. Ich hoffe inständig, dass wir niemals andere Sankt Pauli Fans so behandeln werden, wie unsere junge Garde vom Rest des Stadions teilweise behandelt wird.

Doch auch von uns würde ich mir etwas mehr Gelassenheit wünschen. Auch ich renne zwar seit Jahren oft genug mit der Faust in der Tasche herum, aber Geduld und Bestätigung ist immer größer als Verbitterung. Seid doch mal ehrlich zu Eurem Schaffen, fünf Jahre sind eine kurze Zeit und in dieser Zeit haben wir so viel erreicht und unglaublich viele Weichen gestellt für die Zukunft. Jede Aktion und viele geschriebene und gesprochene Worte bauen das Fundament für die kommenden Jahre und da sollte man sich selber eingestehen, dass der Weg sich immer mehr bestätigt. Et lübt.

Ich finde es fett, wenn 17000 Sankt PaulianerInnen in der Woche beim hsv den Gästeblock einnehmen, die sind auch nicht da um nur Bier zu saufen oder nur zu schweigen, die sind in erster Linie da um Sankt Pauli zu sehen. Die meisten Menschen fühlen sich eher von positiver Energie, von Freude und Spaß angeprochen, als von negativen Gefühlen, von Wut, Hass und Verbitterung. Nach außen ist unsere Darstellung manchmal suboptimal, niemand erkennt den Spaß, den wir in unseren Blöcken, unseren Bussen, bei unseren Parties, bei unseren Treffen und dem allgemeinen Zusammensein haben.
In der ersten Ausgabe des überregionalen Blickfang Ultrà beschrieb jemand, seine Darstellung von Ultrà. Der Stolz zum Verein und der Stadt, die Ehre hochhalten, Treue bis in den Tod, Berufung immer da zu sein und so weiter. Sehe ich anders. Mir geht es um Spaß. Es gibt oft genug Momente, wo die Rechnung nicht aufgeht, die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden und sich Enttäuschung breit macht, aber insgesamt geht die Rechnung der gemeinsamen Vision auf, Spaß wird einem nicht geboten, den schafft man sich selber. Wut über bestimmte Zustände dient uns als Motor, Angst sorgt dafür, dass wir nicht satt und zufrieden zu stellen sind, Hunger erwirkt, dass wir auch in Zukunft nicht satt im Fortschritt werden. Aber hätten wir diese Gefühle in den letzten Jahren nicht mit selber geschaffenem Spaß durch Erfolge minimiert, dann würden viele von uns jetzt mit faustgroßen Gallensteinen und Bypässen und Herzinfakten in zweistelliger Höhe im UKE liegen.
Let’s push things forward. Good Vibes USP 2007

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