Archiv: „Die dressierte Leserschaft“ aus GZ 116

Das Kleinod aus Gazzetta 116 beschäftigt sich mit dem damals viel diskutierten 11 Freunde-Artikel „Der dressierte Fanblock“:

Die Welle der Aufregung durchschwappte vor allem die Blog- und Forenwelt.
Nein! Ein Artikel über Ultras. Kritisch? Der Untergang des Abendlandes.

Vielleicht ist es die gelassene braunweiße Perspektive. Nach Jahren der kleinlichsten Kritik, Becherwürfen wegen Plakaten, ständigen Vorschlägen gen Pinneberg auszuwandern und Dauergenörgel via Internetpinnwand… da stumpft mensch ab. Was soll denn da neues kommen? Und dann auch noch aus der Student_innen-Postille schlechthin? Gelaber rund um den Fussball, bloss nicht drauf eingehen, dem Sport und dem Geschehen auf den Rängen zwanghaft irgendeinen Sinn geben. Bezeichnend: Diese Ausgabe inklusive dem Interview des Monats: Robert Enke über WG-Partys, Arbeitslosigkeit und den Zweikampf mit René Adler…
Woah, spannend. Liegt bestimmt beim Zahnarzt aus, vielleicht les ich es dort irgendwann. Wenn mich nicht die neuesten News über den Tod unserer Flyerkönigin Lady Di eher zur Gala greifen lassen…

Ein guter Marketingzug war es auf jeden Fall. Vielleicht sollten wir den übernehmen und bald damit werben, die „Wahrheit“ über die_den typischen Gegengeradensteher_in in der nächsten Gazzetta rauszuhauen. Dazu dann ein paar Ankündigungssätze über Vergreisung, Alkoholkonsum oder versteinerte Weltbilder und die halbe Fan- und Ultràszene wartet zittert vor dem Bildschirm und diskutiert schonmal den Text, bevor der überhaupt veröffentlicht ist.
So geschehen in den Foren verschiedenster Fanszenen, u.a. der unsrigen, bei der helle Panik die Ultrafreunde und -feinde auf den Plan rief. Und da kommt sie mir wieder hoch, die braunweiße Perspektive: so what?

Der Artikel ist gerade mal halb so spannend wie angekündigt. Die Vergangenheit wird vom Autor kräftig verklärt, traumhafte Zeiten müssen das damals gewesen sein. Keine Anführer, jede_r konnte anstimmen, was er_sie wollte und im Wettkampf der Kreativität setzte sich dann ein Gesang auf dem Markt der Tribüne durch und wurde Produkt, äh Gesang des Tages und wurde geträllert.
Von dem typischen Ergebnis „schwuler XY“ oder „Von der Maas bis an die Memel, immer wieder“ wird lieber geschwiegen. Dass es auch innerhalb dieser ach so anarchistischen Szenen Meinungsführerschaften und bestimmende Fanclubs gab, die natürlich auch den Mainstream der Tribüne prägten, wird ebenso nicht erwähnt, schliesslich stand da ja niemand auf dem Zaun und dirigierte die Gesänge. Und anstatt im Internet zu veröffentlichen, gabs direkt auf die Goschen.

Schon nach einigen Zeilen ist dem_der geneigten Leser_in klar, hier schreibt der Autor eigentlich über seine verlorene Vergangenheit. Verklärt wird zurückgeblickt in die eigene Jugend, die leider unwiederbringlich vorbei ist. Und wie bei so vielen Dingen, die wir nicht beeinflussen können (viel diskutiert: der Kapitalismus), wird ein Schuldiger gesucht, der diese Rolle einnehmen kann. Gesucht, gefunden: Die Ultra-Bewegung.
Aus solch einer Sicht Erhellendes zu schreiben, ist natürlich schwierig. Erhellendes zu erkennen ebenfalls, denn gerade wenn die dem Autor fehlende Detailkenntnis so offenkundig ist. Ich will nun nicht kleinlich sein, aber wenn der Autor bspw. behauptet, die Ultras Pisa hätten diesen Frühling angefangen „Lambada“ zu singen; die Fanszenen wären sich nicht bewusst, dass sie mit ihrer Unterstützung (bspw. Choreographien) im Spiel der Verwertung des Fussballs mitspielen oder sich in seinem Text marodierende Kuttenbanden zum egalitären Ideal der freien Fankultur transformieren, komm ich in meinem Bemühen, ernsthaft mit dem Text umzugehen, ins schleudern. Was schade ist, denn einige (nicht gerade neue, aber auch nicht geführte) Diskussionen stößt der Text dennoch an. Zunächst scheitert er aber bereits an den verschiedenen Blickwinkeln von Autor und Fan.

Die verschiedenen Blickwinkel, aus und von weit außerhalb der Kurve haben beide ihre Vor- und Nachteile. Vor allem aber trennt sie ein generelles Unverständnis von grundlegenden Fragen ala „was ist ein gutes Publikum“ oder „wie sieht guter support aus“. Diese dürften auch eher schwierig objektiv, quasi als höhere Instanz aufzulösen sein.

Unter der Auflistung des Prophanen liegt allerdings auch einiges, was für uns wichtig ist, was wir lernen können. Und sei es nur die Bereitschaft Kritik überhaupt anzunehmen, mit ihr umzugehen. Wir sollten uns zunächst daran erinnern, dass das, was in anderen Stadien unter dem Label „Ultrà“ passiert, oftmals wenig bis nix mit dem zu tun hat, was wir erreichen wollen. Das viel der Kritik vielleicht nicht bei uns zutrifft, in Duisburg, M‘Gladbach und beim HSV aber mehr als angebracht ist und genauso falsch bei uns, aber zutreffend anderswo sein kann.
Ebenso ist aber auch unsere Kurve nicht das Paradies auf Erden, aus dem wir den Rest der Welt dissen können, ohne über uns zu sprechen. Gerade das angesprochene subsummieren aller Probleme unserer Bewegung unter den Terminus „moderner Fussball“ zeigt ähnliche Züge, wie es Köster im Bezug auf Veränderungen in den Fankurven und die Ultras sieht. Sich einzubilden, dass es einen Fußball außerhalb den ihn umgebenen Verhältnissen geben könnte, ist verträumt. Es wird keinen „freigekämpften“ Fussball innerhalb des Kapitalismus geben.
Auch die sich optisch gegen die „Kommerzialisierung“ stellenden Fans, sind immer Teil der „Kommerzialisierung“ selber. Sie gehören zum Spektakel, kaufen Karten, schauen Übertragungen, sorgen für Nachrichten, betreiben Sportmedien…
Aber wie anders? Wie weiter im Leben zwischen 12.30h Anpfiff, Stadionverboten für Aufkleberkleben und der generell immer schwierigeren Gesamtsituation für Fans? Was bedeutet diese Autoritätshörigkeit in unserem Block und der Gruppe?
Das wären spannende Diskussionen.

Der von Köster als Frankfurt-Ultrà eingeführte Adorno sagte halt noch ein bisschen mehr, als über die Unmöglichkeit des Richtigen im Falschen. Entmündigt vor dem Chaos stehen, ein bisschen rumsudern und so tun, als wäre das in den eigenen Zeiten anders gewesen sei ist sicher keine Alternative. Widerstand und Aufklärung, rütteln an den Gesamtverhältnissen, die aktuelle Situation erträglich machen, das sind die Folgerungen.
Vor allem wäre Adorno natürlich USP-Mitglied und würde gerade Texte für die Gazzetta schreiben (Nein, er würde den Fußball und dessen Fans vollkommen zu recht hassen. Träumen dürfen wir aber trotzdem noch, oder?).


1 Antwort auf „Archiv: „Die dressierte Leserschaft“ aus GZ 116“


  1. 1 Adorno auf der Südtribüne « Metalust & Subdiskurse Reloaded Pingback am 19. Januar 2010 um 10:20 Uhr
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