Archiv: „Sankt Pauli, Deine Trainer II“ aus GZ 124

…“oder meine Lebensaffäre in 2-3 Sätzen“. Die versprochene zweite Folge aus der Gazzetta 124.

Wolfsburg. Unendliche Weiten. In der Ferne sieht man Schornsteine. Ab und zu Eingeborene am Wegesrand. Die Welt ist schön oder zumindest so ähnlich. Wir schreiben das Jahr 1994. Aus der großen Stadt am großen Fluss etwas weiter nördlich machen sich ca. 10000 Leute in das Nest am Mittellandkanal auf, um beim letzten Saisonspiel des FC St. Pauli zugegen zu sein.
Oh mann, mir quillen heute noch die Augen vor lauter Ärger aus’m Kopf, wenn ich an diesen verfluchten Tag denke. Mehrere Monate bestimmt der FC St. Pauli die 2. Liga nach Belieben. Sechs Spieltage vor Schluss hat der FC fünf Punkte Vorsprung (nach alter 2-Punkte-Regel) auf einen Nichtaufstiegsplatz. Begeistert nicht unbedingt mit schönem, dafür aber umso mehr mit effektivem Ergebnisfußball. Ein traumhaften Sieg gegen den Mitkonkurrenten 1860 München und ein legendäres Unentschieden beim späteren Aufsteiger VfL Bochum an ebenjenem 31. Spieltag, der von den mitgereisten St. Paulianern als eine Art Meisterstück im Unternehmen Aufsteig inklusive einstündigem Abfeiern der Mannschaft nach’m Spiel zelebriert wurde. Nach dem Remis in Bochum war für die meisten der Drops schon gelutscht, doch dieser Club sollte nicht der Verein unserer Träume sein, wäre da nicht noch was gewesen.


Ein gewisser Markus Aerdken, der uns mit seinen Toren in der Vorsaison den Zweitliga-Arsch gerettet hatte, sollte nun mit seinen Treffern für seinen neuen Club Wuppertaler SV unglaublich unglaubliche Wochen für braun-weiß einläuten, die mit jedem Spiel schlimmer wurden, in ihrem Elend eine kurze Pause beim 4:1 gegen Waldhof Mannheim einlegten, dann aber wieder voll in Fahrt kamen und in Wolfsburg dann endeten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der schöne Vorsprung schon wieder verdünnisiert und 1860 München lag punktgleich, jedoch mit einem besseren Torverhältnis vor der Diva. Der mittlerweile gesichtslose, damals jedoch mitunter sympathische Verein aus Giesing musste am letzten Spieltag beim SV Meppen (dem Greuther Fürth der 1990er Jahre) schon verlieren, damit wir überhaupt ne Chance haben, den Katzentisch zu verlassen. Nun ja, 1860 gewann natürlich sein Spiel – geschenkt. Aber was sich die hässliche Grinsekatze in den langärmligen Trikots mit den breiten Querstreifen in Wolfsburg erlaubte, war der absolute Gipfel. Der VfL landete am Ende der Saison nur einen Platz hinter uns…doch wie kann man nur 4:1 in Wolfsburg verlieren, und das ohne jede Gegenwehr? Wie kann man es nur wagen, den anwesenden St. Pauli-Fans, die dass Stadion zu ca. 2/3 füllten, derart ins Gesicht zu rotzen? Muss ich erwähnen, dass die duften Pauli-Fans im Block zum großen Teil „Scheißegal, scheißegal“ nach Abpfiff schmetterten? Arrrgghhh.

Wenn Ihr diese Zeilen lest, wird der VfL Wolfsburg vielleicht schon Deutscher Fußballmeister 2009 sein. Krass wär das schon – vor allen Dingen wäre es aber das, was die Liga verdient hat. Spätestens die abgelaufene Erstligasaison hat bewiesen, dass Großkonzerne den Profifußball in Deutschland mehr und mehr beherrschen und dass die DFL das alles voll knorke findet. Aber das wisst ihr Kapitalismuskritiker ja eh alles. Doch wisst Ihr eigentlich, dass ein ehemaliger St. Paulianer, der mich in meinem jugendlichen braun-weißen Enthusiasmus stets begleitet hat, jetzt beim volksnahen Verein aus Südostniedersachsen sein Unwesen treibt und in diesem Moment wahrscheinlich mit Manfred Winterkorn Brüderschaft trinkt? Wisst Ihr, wen ich meine, wenn ich Euch sage, dass ich nicht von Bernd „high treason“ Hollerbach rede?

Josef Eichkorn aka Seppo aka Co-Trainer vor dem Herrn war aus meiner Sicht der beste Trainer des FC St. Pauli der 1990er Jahre. Und das, obwohl er nur ca. zwei Spielzeiten lang verantwortlicher Cheftrainer war. Gefühlt war Seppo eigentlich immer dabei, denn auch beim FC St. Pauli war er viel länger das, was er am Besten konnte, nämlich der besonnene Stellvertreter mehr oder weniger schillernder Persönlichkeiten wie z.B. Michael Lorkowski, der in dieser Serie natürlich auch noch verwurstet wird (darauf freu ich mich jetzt schon). Zum Chef wurde er eigentlich immer nur dann berufen, wenn der bis dato verantwortliche Coach gefeuert wurde. Und das war auch immer nur dann, wenn gerade nix Besseres auf’m Markt war oder dem FC mal wieder die Kohle ausging. Warum nur dieses fehlende Vertrauen? Nehmen wir sein erstes Engagement als Chef: er wird Nachfolger von Horst Wohlers, nachdem dieser den Wiederaufstieg 1992 verkackt hatte. Seine Bilanz: 2 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen in den restlichen sechs Spielen…da gab‘s schon St. Pauli-Trainer mit schlechteren Ergebnissen.
Zur neuen Saison darf er nicht als Chef weitermachen, sondern rückt schweigend wieder ins zweite Glied. Statt dessen kommt Lorkowski, mit dem St. Pauli 1985 schon einmal aus der 2. Liga abgestiegen war und an diese glorreiche Zeit nahtlos anknüpfen ließ. Als der Mann gefeuert wurde, stand der FC einmal mehr am Abgrund und Seppo durfte wieder ran. Besser wurde die Mannschaft dadurch nicht wirklich, doch er schaffte das, was zeitweise nur noch wenige geglaubt hatten: den Klassenerhalt…im letzten Spiel gegen Hannover durch Kopfballtreffer von Leonardo Manzi vor gefühlten 30.000 Zuschauern am Millerntor.

Nach diesem Erfolg wurde ihm nun endlich mehr Vertrauen geschenkt. Seppo etablierte seine Elf (nach eher holprigem Saisonbeginn) nach der Winterpause in den Aufstiegsregionen und hatte zudem mit der Verpflichtung von Marcus Marin ein ziemlich glückliches Händchen. Marin wurde in der Winterpause vom FC Sion geholt und machte in der Rückrunde in 17 Spielen erstaunliche 10 Tore. Von dem Mann mag man halten, was man will…doch das war einfach ne geile Rückrunde von ihm.
Zurück zu Seppo. Den Rest der Saison hab ich ja schon geschildert, kann mir aber einfach nicht vorstellen, dass es an ihm gelegen hat. Nun ja, seine rhetorischen Kenntnisse waren jetzt nicht immer a la bonheur und wahrscheinlich wurde ihm die fehlende Fähigkeit, Gedanken schlüssig rüber zu bringen, auch auf dem Feld zum Verhängnis. Fußballer brauchen klare Ansagen ohne Fremdworte und mit klarer Message. „Du jetzt aufn Platz und Tor machen“…wird dieser Auswurf noch durch drei Äähs zerstückelt, wird es für den gemeinen Fußballer dann doch schwer, am Satzende noch zu wissen, was Seppo am Anfang gesagt hat.
Aber er ist immerhin Vierter geworden. Wie ich schon erwähnt hatte: es gab genügend schlechtere Trainer als ihn. Unter anderem seinen Nachfolger, der zwar mit St. Pauli aufstieg, jedoch so sehr zu St. Pauli passte wie Dirk Nowitzki in Schuhe mit Größe 36. Für mich ist und bleibt Seppo ein großer St. Paulianer. Ich habe ihn am Millerntor immer bewundert und bewundere seinen Werdegang auch heute. Immerhin hat er gestern wahrscheinlich seinen dritten Meistertitel errungen. Dazu noch zwei Pokalsiege und ein Erfolg im Ligapokal…welcher ehemalige St. Paulianer kann so etwas von sich behaupten?

Danke, Seppo!