Archiv: „Sankt Pauli, Deine Trainer“ aus GZ 121

…“oder meine Lebensaffäre in 2-3 Sätzen“. Geiler Text, die im vorletzten Absatz versprochene nächste Folge folgt dann auch bald.

1991. Klassenreise nach Plön. Zum ersten Mal geknutscht. Zum ersten Mal mit der „Deine-Mudder-kommt“-Methode auf Lunge geraucht – total heimlich und total krass am Bootssteg mit den total harten Jungs.
Eigentlich habe ich die Tage eher im Bereich meiner positiven Gedanken abgespeichert. Doch wenn ich ein wenig mehr grüble…die Erlebnisse mussten/müssen als Ersatzbefriedigung herhalten. Am Tag unserer Abfahrt war das letzte Saisonheimspiel des FC St. Pauli. Es hätte sonst was passieren können – immer wäre eine Lösung vorhanden gewesen.
Wie oft bin ich früher von Familienfeiern abgehauen, meist zusammen mit meinem Vater. Wie oft hab ich diese Feiern auch Feiern sein gelassen. Wie oft musste ich meine Leute enttäuschen, wenn Sie mit mir was unternehmen wollten. Alles nur, um die hässliche Diva quer durch Deutschland zu begleiten oder zuhause am Millerntor zu sehen und für 90 Minuten nicht mehr ich selbst zu sein, sondern eine Mischung aus Klaus Kinski und Miraculix, nachdem Obelix ihm den Hinkelstein über die Fontanelle gesemmelt hat. Diese Diva – sie hat mich so oft belogen und betrogen. Und sie hat sich nach jeder neuen Schandtat grinsend mit ihrer verzogenen Visage vor mich gestellt und mir zugeflüstert: „Du wirst mir nie entkommen!“. Ich habe ihr verziehen, immer wieder. Nur wenige außerhalb des Stadion-Dunstkreises haben mich je verstehen können. Wie auch: ich kann das alles ja auch nicht plausibel erläutern. Es ist eben immer da, dieses unstillbare Verlangen, irgendwann irgendwas von der Diva zurück zu bekommen.

Erst gestern auf der Rückfahrt aus Wiesbaden habe ich mich geweigert, mich für die Nürnberg-Tour einzutragen. Heute habe ich diesen Satz schon mit „ich denke nicht“ begonnen. Und eigentlich weiß ich jetzt schon, wie der ganze Spaß ausgeht. Natürlich fahr ich doch hin, es wird der letzte Scheiß und ich lass meine Halsschlagader pochen. Und so geht es weiter und weiter und es endet mit der Frage an mich selbst, wann ich Depp denn endlich viertelwegs erwachsen werde.
Und die Diva? Sie hat mich nie gekannt, will im Grunde genommen auch gar nichts von mir wissen und muss entsprechend auch keine Energie investieren, um mich zu vergessen. Ich dagegen könnte (wenn ich denn wollte) im Beruf alles erreichen, könnte mein Gehirn trainieren, könnte meinen Körper stählen, könnte mich zwischenmenschlich festigen und die Ausgeglichenheit in Person werden…das wäre alles kein Problem für mich. Doch die Diva macht alles kaputt. Nach all den Jahren fühle ich mich von ihr gezeichnet.
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Klassenreise: bei diesem Ereignis war es leider unmöglich, sich mit Notlösungen durchzuwurschteln. Ich konnte nicht zu ihr, und das an diesem wichtigen Termin.
Es geht um den Klassenerhalt und sie hätte mich doch gebraucht…muss ich hier näher erwähnen, dass ich mir Vorwürfe gemacht habe wegen der Tatsache, dass es für den FC nur zu einem 1:1 gegen Frankfurt gereicht hat? Warum war die Diva eigentlich so weit unten in Liga 1? Nun, der Mythos Schulte in Verbindung mit entstandenen scheinbaren „Kult“ war merklich am Bröckeln – nach über drei Jahren Glücksseligkeit. Präsi Weisener und seine krisenunerfahrene Gefolgschaft
bekamen so langsam kalte Füße ob der mauen Vorrunde. Sie waren so kalt, dass sie den eigentlich unantastbaren Sauerländer nach einer schmerzlichen, aber auch extrem unwichtigen Niederlage im Testspiel bei Hannover 96 beurlaubten.
Die St. Pauli-Welt war geschockt. OK, da ist zwar Abstiegsangst, mieser Fußball und ein Anflug von Unzufriedenheit auf den Rängen. Aber Mr. „Bananen machen lustig“ rauswerfen? Wer soll denn
stattdessen kommen? Der Papst? Butros Butros-Ghali? Gorbatschow? Doch der Präsi hatte noch‘n Ass im Ärmel. St. Paulis größte fußballerische Hoffnung der 1970er Jahre. Der Mann, der nach seiner aktiven Zeit im braunweißen Hummel-Trikot im Dress von Borussia Mönchengladbach
diverse Titel abräumte. Fussel. Horst Wohlers, so sein richtiger Name, stand auf einmal mit wehenden Haaren an der Seitenlinie. Und schon die Eckdaten seines ersten Heimspiels symbolisierten seine mittelfristigen Erfolgsaussichten beim FC: 2:2 gegen Hertha nach
0:2-Rückstand. Die Treffer für die Diva fallen durch zweifelhaften Elfer und durch Waldemar Steubing, der mit Fast-Luftloch der Pille noch irgendwie einen kleinen Wischer mitgab. Das Spektakel ereignete sich vor knapp 8000 Zuschauern – in der Volksparkstation! Der Rest war aus Protest ans Millerntor gepilgert, um das Spiel per OK-Radio-Liveübertragung mehr schlecht als recht zu verfolgen. Mehr ist zur Rückrunde eigentlich nicht zu sagen und erfolgreicher wurde es für
Wohlers auch nicht wirklich. Natürlich gab es ein 1:0 beim FC Bayern. Und natürlich war da noch der eine oder andere Sieg und Zanders Tor gegen Kahn nach 12,1 Sekunden. Doch alles in allem war’s genauso mies wie vor der Winterpause.
Völlig zu Recht auf’m 16. Platz gelandet inkl. 0:5-Klatsche in der Vorstadt.
Über den Rest der Saison möchte ich hier nicht reden. Der Gang in die zweite Liga hatte zumindest den „Vorteil“, dass Trainer Wohlers und Manager Liedtke (zusammen das größte
Prollstyle-Duo, dass der FC je hatte) dann doch mal Hirnschmalz und Sehvermögen
kombinierten und ihre wenigen Synapsen in Wallung brachten, um den Transfermarkt zu durchforsten.
Resultat war ein Sturmduo, das es in dieser Form seither nicht mehr bei Braun-Weiß gegeben hat. Martin Driller und ein als „Schwabenpfeil“ titulierter Markus Sailer aus Backnang erzielten in der Saison 1991/92 zusammen 23 der 40 St Pauli-Treffer. Was hat es gebracht? Eine recht erfolgreiche Hinrunde und in der anschließenden „Aufstiegsrunde“ selbstverständlich den Absturz. Höhepunkt der schlechten Leistungen Anfang 1992 war eine 0:3-Heimnierlage…und schon wieder wurde das Schicksal eines St. Pauli-Trainers durch Hannover 96 besiegelt.
Heute ist Fussel Trainer der 2. Mannschaft von – wo hat er seine größten Erfolge gefeiert? – Borussia Mönchengladbach. Und das schon seit über 3 Jahren und dazu mit recht passablem
Erfolg. Aus seiner Sicht hat er also alles richtig gemacht. Genau wie der St. Pauli-Coach, über den ich in der nächsten Folge schreibe.
Kleine Randnotiz: am letzten Spieltag der Saison 91/92 kam die Diva zuhause gegen Bayer Uerdingen nicht über ein 0:0 hinaus. Hätte St. Pauli in diesem Spiel gewonnen, wären nicht die Krefelder in die Bundesliga aufgestiegen, sondern…der VfB Oldenburg. Denkt mal drüber nach.


1 Antwort auf „Archiv: „Sankt Pauli, Deine Trainer“ aus GZ 121“


  1. 1 derLampe 03. Januar 2010 um 19:48 Uhr

    Ja genau, hättet ihr nicht gegen Uerdingen gewinnen können. Naja, zum Dank hat euch der VfB Oldenburg Trainer Klaus-Peter Nemet, bei euch ja sieglos, überlassen ;-)

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