Archiv: „Antirepressiva-Kolumne“ aus GZ 120

Die Antirepressiva-Crew hat anlässlich des HRO-Heimspiels letzte Saison einen rausgehauen, inkl. Hammer-Zitaten aus Schergenhand. Da das Thema „Aufenthaltsverbote“ ja nicht aus der Welt ist, sondern diese scheinbar zur neuen polizeilichen Lieblingswaffe werden, haben wir den Text aus dem Archiv hervorgekramt.

Die Gazzetta #120 ist bereits die vierte in der Rückrunde der laufenden Spielzeit und es ist mal wieder an der Zeit, dass sich eure Antirepressionsgruppe zu Wort meldet. Denn neben der sportlichen und emotionalen Achterbahnfahrt der ersten Spiele in diesem Jahr ist auch abseits der Öffentlichkeit viel passiert.
Ausgangspunkt für diesen Artikel ist ein Beschluss des Verwaltungsgerichts Hamburg bezüglich eines von der hamburgischen Polizei verhängten Aufenthaltsverbotes zum vergangenen Heimspiel gegen Hansa Rostock. Insgesamt verhängte die Polizei nach unseren Erkenntnissen gegen sechs Anhänger_innen unseres magischen FC derlei Aufenthaltsverbote, welche sowohl für den Bereich des Millerntors samt Umfeld und Viertel, als auch für das Innenstadtgebiet rund um den Hauptbahnhof galten. Logische Folge dieser als lediglich präventive Maßnahme zur Gefahrenabwehr deklarierten Vorgehensweise der Staatsmacht ist, dass die Betroffenen nicht zum Spiel gehen können, da dies einen Verstoß gegen die Verfügung bedeutete und unter anderem mit einer Ingewahrsamnahme darauf reagiert werden könnte. Ob die Personen eine Eintrittskarte für das Spiel haben oder nicht, interessiert nicht.
Jedenfalls ließen es die betroffenen USPler_innen nicht einfach so auf sich beruhen, dass ihnen der Stadionbesuch für das Spiel des Jahres untersagt wurde und gingen rechtlich gegen das verhängte Aufenthaltsverbot vor. Leider ohne Erfolg. Doch immerhin konnten wir in einem der Verfahren einen Einblick in die Logik der Staatsmacht erhaschen und die Begründung für diese Verbotsverfügung lesen.


Ausschlaggebend ist allen voran die polizeiliche Lageeinschätzung. Die für die Gerichtsentscheidung maßgebliche Einschätzung der Polizei datiert vom 04. März 2009, also zwei Tage vor dem Spiel, und zeichnet ein dramatisches Bild. So werden Zahlen von 400 bis 500 Problemfans aus beiden Lagern genannt, welche sich im Vorfeld und im Anschluss an das Spiel gewalttätige Auseinandersetzungen liefern würden.
Im Nachhinein lässt sich dies wohl nicht gänzlich negieren, zumal allen die Ereignisse nach Abpfiff bekannt sein dürften.
Nichtsdestotrotz ist die Beurteilung der Polizei in weiten Teilen wahnwitzig. Die Schergen sprechen im Zusammenhang mit Ultrà Sankt Pauli von einer gewaltbereiten Gruppierung, in der jedes Mitglied ein Problemfan sei, welches wiederum die Gewaltbereitschaft der Gruppe vorantreibe. Denn

„[…, die Verfasser] jeder einzelne gewaltbereite Fan [trägt] dazu bei, dass die Gewaltbereitschaft entsteht und durch Gruppendynamik eskaliert. Das Phänomen der gewaltbereiten Fußballfanszene entsteht erst durch ein Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl, der Einzelne fühlt sich nur in der Gruppe stark. Die Bereitschaft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Fans gegnerischer Fußballvereine oder Polizeibeamten wächst durch die in der Gruppe durch gegenseitige Unterstützungshandlungen entstehende Tathandlungen, wie zum Beispiel Beleidigungen, Schubsen, Werfen von Rauchfeuerwerk oder Flaschen.“

Die Handschrift des Meinungsmachers in Sachen Sportsoziologie und -psychologie Gunter A. Pilz ist unverkennbar. Merke: Die ganze Welt wird immer doofer, am schlimmsten ist es in Hannover. Deutlich zum Ausdruck kommt insbesondere der logische Ansatzpunkt für die repressiven Maßnahmen von Seiten der Polizei und auch der Gerichte, welche indes zumeist auf die Informationen und Schilderungen der Polizei angewiesen sind und selbst kaum eine Möglichkeit haben, einen realistischen Eindruck zu gewinnen. Gruppengewalt entstehe durch Handlungen einzelner, welche dann dynamisiert würden und quasi zwangsläufig in einer Mobaction mündeten. Somit ist es immer hilfreich, Personen zu verbannen und zu versuchen, diese zu isolieren. Insbesondere, wenn mensch sich verdeutlicht, was USP so alles vorhatte.

„Die Problemfans des FC St. Pauli, dort auch die Gruppierung ‚Ultrà Sankt Pauli‘ (USP) werden in der Anmarsch- und Abmarschphase versuchen an Fans (auch A-Fans; Erläuterung: […]) aus Rostock heranzukommen und diese auch ohne vorherige Provokation angreifen. Es wurde bekannt, dass Angehörige der USP in einer nicht bekannten Stärke versuchen, Karten für die Nordkurve neben dem Gästeblock zu erwerben. Es ist zu erwarten, dass diese Personen bewusst die Nähe zum Gästeblock suchen werde, um von dort aus gegen die Rostocker Fans zu agieren. Gemäß Hinweisen aus der Problemfanszene des FC St. Pauli ist geplant, den Entlastungszug der Deutschen Bahn AG aus Rostock bei Erreichen des Stadtgebietes von Hamburg anzugreifen. Aufgrund der Feindschaft zwischen beiden Fangruppen und des möglichen Abstiegs des FC Hansa Rostock in die 3. Liga wird es in allen Einsatzphasen beim Aufeinandertreffen der Gruppierungen zu sofortigen körperlichen Auseinandersetzungen kommen.“

An diesem Szenario des Zugangriffs, Blocksturms und an der Kutten-Jagd sollten sich nach Angaben der Polizei rund 280 Sankt Paulianer_innen der Kategorie B und 70 der Kategorie C beteiligen. Ach so.
Woraus diese Erkenntnisse gewonnen werden, bleibt selbstredend unklar und ein Geheimnis der Schergen, namentlich unserer SKB. Es reiht sich indes nahtlos ein in die Konzeption der Dramatisierung und Übertreibung, nach der insbesondere die Ultrà-Szene gleichgesetzt wird mit Hooliganismus und die scheinbar nichts Besseres zu tun hat, als Randale zu machen.
Zuletzt bekamen wir dies zu spüren, als unser Bus auf dem Weg nach München angehalten wurde, Bus und Insassen durchsucht und die Personalien der Reisenden festgestellt wurden. Hierüber konntet ihr ja das Wesentliche bereits in der letzten Ausgabe lesen. Wir gehen hierauf dennoch noch einmal kurz ein, da der Sinn und Zweck derlei Maßnahmen nicht lediglich in derselben liegt, sondern in der personellen Kriminalisierung von organsierten Fußballfans. Erkenntnisgewinn und Daten für die Sammlung heißt das Stichwort. Denn die Buskontrolle stand nicht alleine, sondern in einem übergeordneten Zusammenhang. Überprüft und abfotografiert wurden nämlich überdies auch Fans im Stadionumfeld, welche anders angereist waren und gleichwohl der Stigmatisierung Ultrà entsprachen und somit ins Raster der Schergen passten. Unverhohlen geben unsere SKB dies auch zu, wenn sie gegenüber dem Fanladen gestehen, dass Einzelpersonen immer dann dingfest gemacht werden, wenn sie nicht unter dem Schutz der Ultras stehen. Erstmals geschehen in Frankfurt, als ein USP Mitglied wegen eines Haftbefehls herausgezogen wurde, war dies auch in München der Fall, als ein anderes Gruppenmitglied nach Passieren der Eingangskontrollen von der Polizei zwecks Überprüfung zur Seite genommen wurde. Im letzten Falle wurde sogar der Grund des Anfangsverdachts einer Straftat im Zusammenhang mit dem Testspiel gegen den VfL Wolfsburg angegeben und die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens in Aussicht gestellt. Es ist also zu konstatieren, dass die von der Polizei als Handlungsvorgabe ausgegebene Maxime der präventiven Gefahrenabwehr völliger Unsinn ist und vielmehr die Kriminalisierung von Angehörigen der Subkultur Ultrà im Vordergrund steht.
Dies nämlich ist Voraussetzung, um Einzelpersonen von der Teilnahme an Spielen und anderen Gruppenaktivitäten, beispielsweise durch Aufenthaltsverbote, auszuschließen. Die generelle Schilderung einer enorm gewaltbereiten Gruppe dürfte zwar auch ein Gericht in Angst und Schrecken versetzen, rechtfertigt jedoch mitnichten eine Verbotsverfügung gegen Einzelpersonen. Vielmehr muss dem Gericht durch scheinbare Fakten vor Augen geführt werden, dass gerade diese mit der Aufenthaltsverbotsverfügung belegte Person extrem gefährlich sei und im Zusammenhang mit Fußballspielen Straftaten begehe. Zum Beweis müssen dann eingeleitete Ermittlungs- und Strafverfahren herhalten. Hierbei gilt natürlich je mehr, desto besser. Darum wird wegen nichts und wieder nichts ein Verfahren von der Polizei eröffnet und somit Akteneinträge produziert, zumeist wegen der schwammigen Strafnormen Landfriedensbruch oder Beleidigung, aber oft auch wegen Körperverletzung oder Sachbeschädigung.
Es ist also ein Zusammenspiel aus der herbei fantasierten generellen Gewaltbereitschaft der Ultrà-Szene und einer scheinbaren Manifestierung dieses Phänomens bei Einzelnen. Auf diese Weise wird ein Bild erzeugt, welches die betroffenen Personen zu Gewalttäter_innen und Gefährder_innen erklärt, die von entsprechenden Veranstaltungen und Örtlichkeiten ferngehalten werden müssen.
Wirklich wehren kann mensch sich gegen diese Vorgehensweise leider nicht. Doch darf die Macht des Wortes nicht unterschätzt werden, zumal die Staatsmacht eben mit diesem Prinzip arbeitet. Unser Ziel muss daher sein, solche Vorkommnisse nicht unter den Tisch fallen zu lassen und stillschweigend einfach hinzunehmen. Es muss eine größtmögliche Transparenz durch einen breiten Informationsfluss erzeugt werden, welche eine Gegenöffentlichkeit schafft. Nur wenn die Maßnahmen nicht unwidersprochen bleiben, können die weit verbreiteten Stereotypen aufgebrochen und wenigstens der sozialen Repression entgegengewirkt werden. Insbesondere dürfen Betroffene nicht ein Gefühl des Alleinseins erfahren, da ansonsten das Konzept der spezifischen Isolierung seitens der Schergen voll aufgeht. Es gilt folglich mit Leuten darüber zu sprechen und über ganz generelle Umstände in Deutschland aufzuklären, wobei selbstverständlich nicht alle Einzelheiten öffentlich gemacht werden müssen. Doch dürfen in keinem Fall die zunehmenden Repressionen durch Kriminalisierung und soziale Ächtung akzeptiert werden.
Lasst euch nicht einschüchtern! Macht unseren Blickwinkel in Bezug auf solche Polizeimaßnahmen öffentlich!

Liebe lässt sich nicht verbannen!
Antirepressiva USP