Archiv: „Tales from the crypt – Part II“ aus GZ 88

Und dann auch gleich der zweite Teil der „Tales from the crypt“ hintendran:

Der dicke HSVer steht vor mir und zeigt feist grinsend auf sein Kinn. „Schlag doch zu!“. Ich, ganz verdutzt, zögere erst mal. Nun, wenn er so bettelt…, denke ich mir, und semmel ihm eine, aber total halbherzig. Jedenfalls haut ihn das nicht um. Im selben Moment sehe ich über seine Schulter gefühlte 20 hsv-Kutten auf mich zulaufen. Jetzt heißt es Beine in die Hand nehmen…

Wie konnte es zu dieser misslichen Lage kommen? Es war Derbytag und wir mussten irgendwie nach Hause. Und leider benutzten unsere schwarz-weiß-blauen „Freunde“ die gleichen HVV-Züge wie wir. Tja, die Bedingungen Ende der 80er, Anfang der 90er waren für St.-Pauli-Fans wie uns alles andere als´n Ponyhof. Insbesondere, wenn man in einem Vorort der Hansestadt lebte, gerade mal 16-18 Jahre alt war, und gegenüber feindseligen Rothosen und üblen Faschos in der krassen Minderheit war. Das Gros der St.-Pauli-Fanszene setzte sich aus Bewohnern der Szene-Stadtteile St. Pauli, Altona und Eimsbüttel zusammen. Schon ein wenig außerhalb war Feindesland. Undenkbar, dass braun-weiße Anhänger aus der ganzen Republik zu den Spielen kommen, so wie es heute Usus ist. Der offizielle Treffpunkt für den damaligen Kern der Fanszene (Millerntor Roar, Fanladen und Umfeld) war bei Derbies der S-Bahnhof Sternschanze, um gemeinsam zum Volkspark zu reisen. Das machte Sinn und sorgte für Sicherheit. Zwar gab es in der braun-weißen Anhängerschaft schon einige Streetfighter und Hausbesetzer, doch die Masse der damaligen „Hamburg Ultras“ plus dummbatziger Kutten war Grund dafür, sich lieber in der Gruppe aufzumachen, um in die Ostkurve der Betonschüssel zu gelangen.


Soweit so gut, nur: Erst mal mussten wir Vorstadt-Fans überhaupt zur Sternschanze kommen! Jedenfalls sind wir immer so früh wie möglich aufgebrochen, um dem Großteil der Asis auszuweichen. An einer bestimmten Haltestelle dann jedes Mal nervös aus dem S-Bahn-Fenster gelinst, weil da immer das rechte Kuttengesocks aus T. in Regimentstärke zustieg. Was waren wir jedes Mal erleichtert, Sternschanze blessurenfrei erreicht zu haben…

Die Derbies waren unterm Strich alle scheiße. Alleine in dieser Kack-Ostkurve zu stehen war schon Strafe genug. Von links beschossen einen die „HH Ultras“ mit Leuchtspur und die Stimmung in dem Kackstadion war mies, weil man sich dort irgendwie nicht fand. Und die Spiele gingen alle verloren oder endeten unentschieden, meistens 0:0. Und dann das Theater nach dem Spiel… Null Fantrennung und der Abmarsch per Mob funktionierte aufgrund mehrerer Zehntausend abwandernder Zuschauer beider Lager natürlich nicht. Oft ein leichtes Spiel für die Hools, die immer gerne den Ehrenkodex propagierten, aber auf alles einschlugen, was nicht schnell genug seinen Schal in der Jacke versteckt hatte. Einer Frau, die in unserer Gruppe dabei war, wurde ne Flasche übern Kopf geschlagen, was nachher mit reichlich Stichen genäht werden musste. Große Helden. Ich habe sie gehasst. Immerhin gab es auch einige St. Paulianer (u.a. die Redskins), die sich wehrten, was einige hsver doch ein wenig verwirrte.

Und dann die Rückfahrt. Am Hauptbahnhof in den Vorortzug gestiegen und gehofft, dass nicht allzu viele Atzen zusteigen. Doch das Nachbarabteil war schon voll von denen. Und auch bei uns saßen sie schon drin und provozierten. Wir waren so acht Leute, alle ziemlich jung und nicht gerade die gefährlichen Schläger. Währendessen baldowerten die hsver aus, dass das Rockerkuttengesocks aus T. noch bis zu unserem Zielbahnhof mitfährt und wir dann richtig kriegen sollen. Am Zielort haben wir dann versucht, relativ geordnet den Bahnhof zu verlassen. Unsere „Freunde“ stürmten brüllend auf uns zu. Wir in alle Himmelsrichtungen gelaufen. Nach rund 20 Metern blieb ich stehen, drehte mich in einem Anfall von Mut oder Verzweiflung um und stellte fest, dass mir eigentlich nur der oben erwähnte Fettklops so richtig dicht auf den Fersen war. So, dachte ich, mal sehen wie mutig du so allein bist, und pöbelte ihn an (was das war, kann ich mich nicht mehr erinnern). Nach eingangs beschriebener Szene hieß es wieder Beine in die Hand nehmen, weil da abermals welche antrabten. Nach so 20 Metern wieder umgedreht und festgestellt, dass zwar alle von uns total versprengt waren, aber die hsver nicht wirklich nach setzten. Man hatte das Gefühl, die verpieselten sich. Keine Ahnung warum, vermutlich befürchteten sie, dass die Bullen gerufen wurden. Nach einiger Zeit sind wir dann wieder zurück und haben festgestellt, dass da noch ein paar von denen rumliefen. Warum weiß ich nicht, aber vor lauter Wut versuchten einige der St. Paulianer, den Spieß umzudrehen und gingen auf die los. Die verkrochen sich teilweise im Klo der Bushaltestelle und schlossen sich dort ein. Ein paar Braun-Weiße schnappten sich irgendwelche Pflastersteine und warfen die über die Tür, was ordentlich böllerte und man von drinnen Gebrüll hörte, dass man aufhören sollte. Dann war Martinshorn zu hören und alle sahen zu, dass sie Land gewinnen. Irgendwie hatte man das gute Gefühl, dass zumindest ein paar von denen am Ende genauso viel Schiss hatten wie wir den ganzen Tag.

Trotzdem: Meistens zogen wir den kürzeren. Ganz übel war, dass am S-Bahnhof immer die örtliche Faschoszene den einzigen Eingang blockierte, vor allem abends, wenn man nach Hause kam und da durch musste. Das waren teilweise krasse, total verdrogte Knastbrüder, und wir ein kleiner Haufen Jugendlicher, und auch noch linke St.-Pauli-Fans. Nee nee, das war alles andere als angenehm. Und ich gehe ganz stark davon aus, dass zahlreiche St. Paulianer solche oder ähnlich Erfahrungen gemacht haben und wohl auch noch weiterhin machen. Mein Respekt haben vor allen alle St.-Pauli-Fans im Osten der Republik, die bei unseren Gastspielen dort nicht die Möglichkeit haben, sich bequem in den unter Polizeischutz aus der Stadt eskortierten Bus nach Hamburg zu setzen, sondern sich in irgendwelche Regionalzüge begeben müssen und da oft genug „nette“ Gesellschaft haben.

So viel mal wieder zum Thema „früher war alles besser“. Aber: Diese Erlebnisse prägten. Wir haben uns nicht einschüchtern lassen, sondern sind weiterhin zu jedem Heimspiel und zu den meisten Auswärtsfahrten gefahren. Und heute kann ich über damals lachen. Und ich weiß, was immer wichtig ist:

Einfach rausgehen, die Fresse aufmachen und sich RESPEKT verschaffen!


1 Antwort auf „Archiv: „Tales from the crypt – Part II“ aus GZ 88“


  1. 1 Horst 23. Dezember 2009 um 19:59 Uhr

    Tscha. Eine Frage muss jetzt nur noch beantwortet werden: War die ausufernde Kommerzialisierung, wie wir sie heute auch beim FC St.Pauli erleben, früher auch schlechter?

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.