Archiv: „Tales from the crypt“ aus GZ 70

Damals…..ein Veteran der Fanszene erinnert sich und beschreibt in der Gazzetta 70 die Entwicklung der Fanszene über die Jahrzehnte und erzählt ein paar Erinnerungen und Döntjes.

„Früher war alles besser“, „die guten alten Zeiten“ – ich sach euch: Das ist alles totaler Bullshit. Man braucht im Fanladen-Buch ja nur mal ein bisschen zu blättern und sich die Seiten aus der Zeit von sagen wir Ende der 80er und den letzten 3-4 Jahren anzuschauen und zu vergleichen. Das einzige, was „früher“ wirklich rockte, war die Stimmung bei den Heimspielen. Die resultierte aus der Euphorie der Besucher. Die meisten waren erst seit kurzem dabei und einfach begeistert über alles, was den Verein ausmachte. Das ist im Laufe der Jahre dann natürlich allmählich abgeflaut. Es gab viel, was man ertragen musste, und natürlich macht die anfängliche Euphorie irgendwann einer gewissen Gewohnheit Platz – man geht hin, weil man halt hingeht, weil man halt St.Pauli-Fan ist und bleibt. Richtige Begeisterung ist eigentlich nur noch bei USP und Umfeld festzustellen, vor allem weil hier viele junge und neue Fans dabei sind, die noch nicht so abgestumpft sind und für die „unser ganzes Leben, unsere ganze Kraft“ nicht nur ein Song ist, sondern Realität.

Doch zurück zu früher. Außer der Heimspiel-Atmosphäre war noch nicht so viel los. Die ganze unglaublich gute Organisation und Infrastruktur, wie wir sie heute kennen und für selbstverständlich halten, war null vorhanden. Das fing schon bei den Auswärtsfahrten an. Meine aller erste Tour ging im Dezember 1988 nach Uerdingen. Damals musste man täglich in die Mopo oder Blöd gucken und hoffen, in den Randnotizen hoffentlich einen Hinweis zu finden, dass der Fanclub „Tornado“ oder „Millerntor“ (mega-kreativer Name, oder? Im übrigen gab´s damals gerade mal ein Dutzend Fanclubs, und das in der ersten Liga, heute sind´s über 200…) eine Fahrt anbietet und die dortige Telefonnummer anrufen, wo einem dann gesagt wurde, dass der Bus dann und dann am ZOB abfährt. Nun denn, ich und mein Vorstadt-Fankumpel sind dann morgens in den Schrottbus vom Fanclub „Tornado“, wo´s an allen Ecken und Enden zog wie Hechtsuppe, eingestiegen und ab ging´s. Erst mal hab ich, gerade 16 geworden und mit Coke bewaffnet, mich umgeschaut, was meine Mitreisenden so saufen konnten, meine Güte… Und was da für merkwürdige Atzen am Start waren, 80er Jahre Fußballfans halt… Der Schwarze Block, der bei Heimspielen hinter den Trainerbänken stand, hielt sich bei Auswärtsfahrten noch etwas zurück oder fuhr mit dem eigenen „Hafenstraßenbus“, wo man aber als Ottonormalfan wie ich natürlich keine Chance hatte mitzufahren. An der Grotenburg angekommen wurde der Bus erst mal von den Bullen umzingelt und wir mussten einzeln zum Filzen aussteigen. Die Krefelder Cops hatten damals den miesesten Ruf, heute sind solche Sachen ja leider überall Usus – okay, doch etwas, was früher nicht so übel war wie heute. Jedenfalls waren wir gerade mal zur Hälfte abgefrühstückt, da tauchte plötzlich der Hafenstraßenbus auf.
Echt´n geiler Anblick, das war so´n Oldtimer, wo man oben die Schiebefenster öffnen konnte, aus denen der damalige Klassiker „Olé olé olé olé, super Hamburg, Sankt Pauliii!“ dröhnte. Der Einsatzleiter erkannte sofort die akute Terror-Gefahr, die von den autonomen RAF-Hafenstraßen-Chaoten ausging, und beorderte seine Schergen umgehend von unserem Bus ab und in Richtung des Black Bloc Bus, so dass der Rest unserer Besatzung nicht mehr durch die Filzmaschinerie musste. Auch wenn ich es in meiner damaligen Aufregung anders sah, war´s im Stadion total öde. 0:0 und vielleicht 200 Gästefans in der großen Kurve, und das im ersten Bundesligajahr… Der Punktgewinn wurde gefeiert und zurück ging´s wieder im zugigen Alkibus.

bus

Wenn sich heute darüber geärgert wird, wie wenig Leute aus HH auswärts fahren, was war denn damals? Da fuhren wir mit noch weniger Leuten und hatten so gut wie null Unterstützung aus der jeweiligen Region (was ja heute teils Fluch, teils Segen ist…). Irgendwann später fuhr ich mal mit nach Karlsruhe, IC-Gruppenfahrt mit sagenhaften 43 Fans. In der großen Auswärtskurve des Wildparkstadions (damals noch komplett mit Stehplätzen) standen wir dann mit 120 Leuten. Das sah total jämmerlich aus. Dann fing´s auch noch an zu schiffen und alles drängte sich unter die Anzeigentafel… Und nach dem Spiel gab´s auch noch Backenfutter von irgendwelchen KSC-Hools. Ich persönlich hab Glück gehabt und nix abbekommen, aber die zwei St.Pauli-Fans aus England wurden übel zusammengetreten. Wir sind dann zu nem Bullenwagen, der an der nächsten Kreuzung wegen eines Unfalls stand, hin und haben Bescheid gesagt. Aber hat die irgendwie nicht so interessiert. Die Rückfahrt mussten wir ohne die beiden antreten…

Außer Bremen und Volkspark auswärts war die Beteiligung auf Auswärtsfahrten in den drei Erstligajahren 88-91 ziemlich mager. Die ersten richtig großen Touren waren die zu den Relegationsspielen. Bei den Stuttgarter Kickers im Neckarstadion waren immerhin 3.000 Leute, eine hammergroße Menge damals. Wobei man fairerweise anmerken sollte, dass der Fußball insgesamt damals nicht so populär war, die Zuschauerzahlen waren viel niedriger (beim 1:0-Sieg St. Paulis in München beispielsweise verloren sich 13.000 Zuschauer im Olympiastadion) und im Auswärtsblock am Millerntor tummelten sich selten mehr als 300-400 Gästefans. Diese standen übrigens im B-Block mittenmang zwischen St.Paulianern, die den restlichen Block um sie herum ausfüllten. Heute unvorstellbar. Aber zurück zu den Relegationsspielen.
Nach dem 1:1 in Stuttgart (gleiches Resultat im Hinspiel) ging´s nach Gelsenkirchen zum dritten und alles entscheidenden Match. Der damals noch junge Fanladen organisierte kurzerhand zwei Sonderzüge, die ratzfatz ausverkauft waren. 12.000 Leute pilgerten ins Parkstadion, das war absolut gigantisch, vor allem für damalige Verhältnisse (remember 120 in Karlsruhe…). Uns gegenüber in der anderen Kurve standen 400 Kickers-Fans. Und die durften am Ende auch noch jubeln, denn unser Team verlor sang- und klanglos mit 1:3. Abstieg nach drei Jahren Bundesliga. Für die meisten von uns unvorstellbar, denn man war quasi in der Ersten Liga „sozialisiert“ worden, denn so lange ging man ja noch nicht zu St. Pauli. Alles hat geheult, und ich glaube, dass diese Fahrt ein emotionales und einschneidendes Erlebnis war und die Bindung an den Verein immens gestärkt hat. Genau wie die Zweitligazeit, die folgte. Damals hieß es aus der Vereinsführung, man strebe selbstverständlich den sofortigen Wiederaufstieg an. Ganz schön ätzend, dass es aber doch noch vier Jahre dauerte, bis es wieder ins Oberhaus ging. Vom heutigen Zeitpunkt aus gesehen, wo wir ins vierte Drittligajahr gehen, ganz klar Jammern auf hohem Niveau…

Im übrigen wäre ich als so 16-20jähriger froh gewesen, wenn es so was wie Ultras gegeben hätte, wo ich mich hätte einbringen können. Damals stand ich dann mit meiner Kutte in der Nordkurve, wo es teilweise echt assig abging. Insbesondere mit dem Fanclub United, der kurz nach Anpfiff immer in den proppevollen Mittelblock reindrängelte und Stunk machte. Von unterirdischen Sprüchen abgesehen. Wir jungen Spunde konnten gegen die ziemlich kräftigen und 10 Jahre älteren Typen nichts ausrichten und waren froh, dass eines Tages eine Abordnung aus der Gegengerade rüberkam und United das Stadion waagerecht verließ und seitdem auch keinen Stress mehr machte… Richtig aktiv waren damals auch nur die Leute vom Millerntor Roar!-Fanzine und Umfeld, dagegen ist das Feld der Engagierten heute wesentlich größer. Und auch das, was in der Zeit insgesamt so auf die Beine gestellt wurde, kann sich mit heute kaum messen. Und auch damals gab es die große Masse an sonstigen Fans, die alles misstrauisch beäugte, was die Aktivisten so trieben.

Es war so gut wie nix früher besser als heute. Vieles war anders, aber nicht unbedingt besser. Lasst euch also von irgendwelchen alten Hupen nix erzählen.

Be young, be foolish, and be happy!

kurve
Mehr Bilder aus vergangenen Zeiten gibts übrigens in der Galerie auf usp.stpaulifans.de in der Rubrik „Old Style“.