Archiv: „Stadtderby in Lima“ aus GZ 132

Der Artikel aus der aktuellen Gazzetta 132 bietet neben den fussballerischen Einzelheiten auch interessante Einblicke in das Leben in den ärmeren Stadtvierteln von Lima.

Moin allerseits, es gibt wieder Neues aus Peru: Nach einer Woche nervenaufreibender Arbeit ohne Freizeit, wüster Feierei Freitagnacht und der obligatorischen Suche nach kultureller Horizonterweiterung in der Riesenstadt Lima, stand am Sonntag mal wieder Fußball auf dem Programm: Alianza gegen Cristal, Stichwort Stadtderby!

Es wagt sich der kleine Club aus der Vorstadt in die Höhle des Löwen, Alianza Limas, zusammen mit seinem ewigen Rivalen, Universitario Deportes (“La U“, ebenfalls Lima) der größte Verein des Landes, und vieler Orts gefürchtet für seine in Teilen extrem gewaltbereite Anhängerschaft.
Das “Estadio Matute” liegt im selben Viertel, in dem ich arbeite und zurzeit auch wohne, La Victoria, und da mag es vorkommen, dass ich am frühen Nachmittag noch verpennt am frühstücken, fast vom Stuhl falle, weil jenes Klientel sich in den umliegenden Straßen Schusswechsel mit der Polizei liefert, während ihr Team ein paar Ecken weiter um Punkte ringt.
Wenn ich am Wochenende auf kleine Gruppen junger Leute treffe, die Adrenalin aufgeladen durch die Straßen joggen, den Kopf immer wieder über die Schulter werfen, um nach Cops Ausschau zu halten – dann weiß ich, dass Alianza spielt.
Wer hier wen jagt, ich kann es euch nicht sagen, Tatsache ist aber, dass mit jedem Heimspiel Hundertscharen von Jugendlichen angezogen werden, denen es zwar an Geld für den Stadionbesuch mangelt, nicht jedoch an Entschlossenheit sich einen erlebnisreichen Tag zu gestalten.
Eben diese haben hier ziemlichen Seltenheitswert, La Victoria mit seinen umliegenden Vierteln San Borja und Surco ist eine arme Gegend, es gibt keine lukrativen Jobs, die jungen Leute hoffen darauf, dass ihre Eltern sie möglichst lange am Esstisch dulden, mit diesen und meist unzähligen Geschwistern wohnen sie auf engstem Raum in brüchigen Häusern. Das bisschen, was man sich mit Kurzarbeit, unterirdisch bezahlten Reinigungsjobs, kleineren Drogengeschäften oder dem Aushelfen der Eltern dazuverdient, wird meist notgedrungen gleich wieder ausgegeben. Abhängen steht an der Tagesordnung, das Geld ist immer knapp, das heißt hier eine warme Mahlzeit am Tag, lieber mal aufs Frühstück verzichten, dann bleibt was übrig für ein Bier am Abend, vielleicht zwei, drei Kurze. Ach ja, und Marihuana, das gibt’s an jeder Ecke und im Vergleich zu bekannten Preisen eigentlich geschenkt. Geraucht wird es pur, ohne Filter, eingerollt in Zigarettenblättchen, Drehtabak gibt es nicht.
Drogenabhängigkeit ist zusammen mit der aus ihr resultierenden Jugendkriminalität eines der schwerwiegendsten Problemen in Lima, die Jugendlichen organisieren sich in Banden und durchstreifen abends auf der Suche nach Beute die Straßen, es ist leichtsinnig und gefährlich nach Einbruch der Dunkelheit alleine und zu Fuß unterwegs zu sein, einige wenige touristische Viertel bilden die Ausnahmen. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit stehen Raubzüge an der Tagesordnung, man spekuliert auf das bisschen Weihnachtsgeld was den peruanischen Arbeitern in dieser Zeit ausgezahlt wird, im Normalfall haben auch diese nur ein lausiges, nicht lohnendes Kleingeld in der Tasche.
Ich selbst wurde zweimal Zeuge von Überfällen, einer von beiden fand direkt vor meiner Haustür statt, ich konnte mich gerade noch unentdeckt in einen Kiosk flüchten.
Ein weiteres Mal erkannte mich zu meinem Glück einer der “Rateros” (südamerikanischer Jargon für Dieb, frei übersetzt Straßenratte) als Sozialarbeiter, der selbst in La Victoria lebt und schrie seinen Kollegen an, mich in Ruhe zu lassen. Dieser hatte mir hinter einer Straßenecke aufgelauert, die rechte Hand obligatorisch zwischen seinem XL-Shirt und Hosenbund vergraben, um das Tragen einer Waffe anzudeuten. Das ist zwar in der Regel bloße Einschüchterungstaktik, trotzdem ist es nicht ratsam sich bei einem Raub zu Wehr zu setzten, wenn man den Moment des Weglaufens schon verpasst hat.
Drogen, Kriminalität und Prostitution sind wohl die größten Sorgen der hier lebenden Eltern, wenn sie sich denn Sorgen machen und nicht selbst dem Alkohol verfallen sind.
In der Regel müssen sie vom frühen Morgen bis in den späten Abend arbeiten, um ihre vier oder fünf, oft sechs und mehr Kinder zu versorgen.
In den unzähligen zerfledderten Kleinbussen, die sich in den Abendstunden durch die verstopften Straßen Limas wühlen, sieht man dann leere, erschöpfte Gesichter, viele schlafen bereits auf dem Weg nach Hause.
Unterm Strich ist der Einfluss der Eltern auf ihre Kids genauso begrenzt wie der, der Schulen. Diese dienen oft eher zum Zeitvertreib, die Zustände sind teilweise katastrophal, Bildung praktisch nicht vorhanden. Es fehlt das Geld für Bücher und für Tageszeitungen, die vollgekritzelten und malträtierten Schulmaterialien bleiben oft der einzige Lesestoff im Leben der Menschen. Zu häufig erwartet die Lehrer ein chaotischer, verdreckter Klassenraum, der aus den Pausen noch nach Marihuana und Zigarettenqualm stinkt. Der Unterricht gleicht je nach Laune der Schüler einem dreiviertelstündigen Durcheinander, oftmals geben die Lehrer sich von vornherein geschlagen, stellen eine Aufgabe und belassen es dabei. Immer wieder werden sie Opfer heftiger Beleidigungen, kriegen nach Belieben hier und da einen Klaps versetzt, wissen sich in diesem zum Scheitern verdammten Schulsystem nicht mehr zur Wehr zu setzen.
Ein Blick auf die Verhältnisse, in welchen die große Mehrheit der Jugendlichen aufwachsen muss, lässt verstehen warum es an den Wochenenden stets heftig zur Sache geht, wenn sie hier wüssten welcher Verrat in der hässlichen Geschichte Südamerikas an ihnen verübt wurde und immer noch verübt wird, würde es wohl nicht nur im Rahmen von Fußballspielen knallen.
Da stößt es übel auf, wenn in der Öffentlichkeit über völlig kurzsichtige Maßnahmen, wie leere Ränge oder Speichelabgabe vorm Betreten des Stadions diskutiert wird und sämtliche „Barristas“, die peruanischen Ultras, in den konservativen Zeitungen jedes Wochenende durch den Fleischwolf gedreht werden.
In dem Vermeiden von kritischen Untersuchungen grundlegender politischer Strukturen, sowie dem penetranten Verschweigen des teils erschreckenden Elends der Bevölkerung sind übrigens nicht nur die peruanischen Medien Profis…

Vorm Stadion herrscht eine halbe Stunde vor Anpfiff reger Betrieb, Hinchas warten in großen von Cops beobachteten Gruppen vor den Eingängen, Händler hocken in einer langen Reihe am Straßenrand, vor ihnen ausgebreitet liegen Schals, Trikots und T-Shirts, sowie Fotos und Poster Alianzas in allen Variationen. Fliegende Verkäufer schieben kleine Küchen auf Rädern durch die Menge, ein Schüsselchen scharfer Reis mit Hühnchen gibt’s für 50Cent.
Ich bin mal wieder nicht flüssig, mein Kollege hat keine Kohle, ein zerknitterter 10 Dollarschein muss gewechselt werden. “Geh einfach zu den Polizisten, die können eigentlich immer wechseln”, wird mir im einzig geöffneten Kiosk geantwortet. Ich denk ich sehe nicht richtig als einer von fünf Cops, die um ihren schwarzen Jeep herumlungern, völlig ungezwungen ein dickes Bündel Scheine aus seinem Handschuhfach holt und seine scherzenden Kollegen ignorierend, Hunderter und Fünfziger zurückschlagt, um mir dann mein Geld zu wechseln. Als ich wissen will woher das ganze „Plata“ (südamerikanischer Jargon für Geld, wörtlich übersetzt Silber) kommt, herrscht einen winzigen Moment verdutztes Schweigen, dann setzten dumme Sprüche und Gelächter wieder ein.
Diese Dreistigkeit überrascht mich schon, dass die Bullen sich ihrer Korruptheit hier nicht schämen, wusste ich aber.
Nach kurzem Feilschen, ergattern wir von einem der zahlreichen Schwarzhändler günstige Tickets für die Osttribüne, es erwartet mich ein feiner Blick auf die „Barras“ beider Seiten.
Das „Estadio Matute“ fast 30.000 Zuschauer, heute ist es beinahe ausverkauft, die Nordkurve leuchtet in den hellblauen Farben Sporting Cristals, Alianzas “Commando Svr” ist auf der anderen Seite bereits in Bewegung und füllt das Rund mit ihren Gesängen. Die Gruppe hat das U in “Sur”, zu Deutsch Süden, übrigens bewusst durch ein V ersetzt, um das Erkennungszeichen ihres Erzfeindes “La U” zu vermeiden. In dieser Stadt gibt es nur Blau-Weiß oder Rot, hier machen nicht mal die weniger Fußballinteressierten auf „Ob Sankt Pauli oder hsv, Hauptsache Hamburg”, sehr angenehm!
Das Intro geht klar an Cristal, gelungene Pyro-Aktion, dazu eine vor allem in den ersten 15 Minuten begeisternde Kurve.
Alianza mit ein paar Fahnen, ein wenig Rauch und guter Lautstärke, gerade in der Anfangsphase wird die Stimmung einem Derby gerecht.
Beide Kurven insgesamt wirklich hübsch anzusehen, Alianza auch mit durchgehendem Support, es wird leidenschaftlich gesungen , alles ist in Bewegung, man lässt sich durch jede Spielszene, jeden gewonnenen Zweikampf aufs neue anstacheln, bei Eckbällen oder einer Parade des eigenen Keepers hüpft die ganze Kurve den Rhythmus, Arme, Schals, T-Shirts, sogar in Bilder eingerahmte Heilige wippen durch die Luft.
Für Alianza geht es in den letzten Spielen der laufenden Saison um alles, mit ein paar Pünktchen führen sie eine der in zwei Divisionen aufgeteilten ersten Liga an. Sollten sie das Meisterschaftsfinale erreichen, steht der Gegner so gut wie fest, es ist niemand geringeres als Universitario Deportes selbst! Diese liegen in der zweiten Tabelle praktisch uneinholbar auf dem ersten Platz, abgesehen von Staatsapparat und Polizei fiebert die Riesenstadt einem Jahrhundertfinale entgegen.
An dem Tag als Alianza auf Platz 1. kletterte, titelten die Zeitungen bereits: “Es LaVoz De Dios!”, “La gran Final!” und „El Super Classico!“. Seitdem gibt es nur noch ein Thema unter den Leuten, es wird gefachsimpelt und diskutiert, die Presse überschlägt sich täglich in neuen Spekulationen, heizt die Spannung an, in Erwartung dieses großen Spektakels.
Die Befürchtungen, dass während der zwei Finalspiele endgültig Krieg ausbrechen würde, sind allgegenwärtig, die beiden Clubs eint eine blutige Vergangenheit der Auseinandersetzungen, nicht selten endete die Gewalt tödlich.

Der Druck zum Siegen verdammt zu sein, scheint das Offensivspiel Alianzas in den ersten zwanzig Minuten zu belasten, sie wagen sich kaum aus ihrer mit zwei Viererketten dicht gestaffelten Defensive heraus. So gehören die ersten Möglichkeiten Cristal, die mit langen Bällen versuchen ihre schnellen Stürmer in Szene zu setzten und die gegnerische Abwehr auszuhebeln.
Um mich herum halten die Hinchas ihren Unmut über das zögerliche Auftreten ihrer Mannschaft nicht lange zurück und lassen sich hemmungslos über die Mütter der gegnerischen Akteure, des Schiedsrichters und nach Belieben auch der eigenen Spieler aus. An der Seitenlinie springt Erfolgstrainer Gustavo Costas im Quadrat, brüllt hochrot seine Anweisungen über den Platz. Das zeigt dann Wirkung, sein Team reißt sich zusammen, beginnt die Kontrolle über das Mittelfeld zu übernehmen und holt die ersten Eckbälle heraus. Dennoch mangelt es weiter an zündenden Ideen, selten wird der direkte Abschluss gesucht, zumindest schreien mir die Leute jedes Mal “Gooooal!” ins Ohr sobald die Kugel ihren Weg in den gegnerischen Strafraum findet.
Kurz vor der Pause sorgen dann die beiden Schlüsselspieler des Teams für die Führung. Mittelstürmer Velázquez kann in der gegnerischen Hälfte den Ball behaupten, findet den kolumbianischen Antreiber und Ideengeber Montaño, welcher nach einer schnellen Drehung den mitgelaufenen Knipser mit einem feinen Pass in die Schnittstelle der Abwehr freispielt.
Das Stadion explodiert förmlich, leider reist es mich selber um, gerne hätte ich beobachtet wie sich die komplette Südkurve in Sekundenschnelle zehn Meter nach unten verschiebt, dort die Cops erdrückt und den Zaun stürmt.
In der zweiten Hälfte wird Fußball gekämpft, Alianza hat Angst vor Kontern, steht tief und kann nur selten für Entlastungsangriffe sorgen. Auf beiden Seiten hagelt es Ballverluste im Mittelfeld, hüben wie drüben hängen die Stürmerpaare in der Luft, für den neutralen Zuschauer ziemlich magere Kost.
Neben mir presst man gegen Ende der Partie in panischer Angst die Lippen aufeinander, Cristal versucht es mit letzten Verzweiflungsangriffen, als der Schiri nach einem unübersichtlichen Zweikampf im Strafraum Cristals den Elfmeter verweigert, zeigt das Stadion noch einmal Zähne, dann ist es geschafft.
Als sich die Tribünen weitestgehend geleert haben, machen wir uns vorsichtig aus dem Staub, tatsächlich schaffe ich es meine Kamera ganz bis nach Hause durchzubringen, hoffentlich wisst ihr die kleinen schwarzweißen Bilderchen zu schätzen.