Archiv: „Warum aufsteigen?“ aus GZ 129

Ein Veteran der st. paulianischen Fanzinekultur hat in seinem Artikel aus der Gazzetta 129 alles gesagt, was zum Thema Aufstieg in die 1. Bundesliga gesagt werden muss.

Warum aufsteigen?

Wenn man sich die Namen der Erstligavereine durchliest, bekommt man es mit der Angst zu tun. Von den 18 Vereinen mindestens 14 ½, die man grauenhaft findet und/oder denen man einen langsamen und qualvollen Exitus wünscht. Dazu eine Liga an sich, die sich komplett vermarktet und verkauft hat. Sicherlich zeigen andere europäische Ligen, dass es noch viel schlimmer geht, aber schaut Euch doch mal die Entwicklung der Bundesliga binnen der letzten 10 Jahre an. Schon 1999 dachte man: die Bundesliga wird vom Geld regiert, der DFB wünscht sich Konsumenten und keine Fans, Sicherheitswahn, Sitzplatzschalen und so weiter. Heute ist klar: 1999 war ein Schlaraffenland im Vergleich zum heutigen Stand. Die Kehle wird immer enger geschnürt, die Geldblase immer größer, das Vermarktungskonzept immer umfangreicher, Fans werden immer mehr kontrolliert und dürfen sich freuen, wenn sie ne Fahne mit in den Block rein nehmen dürfen um „ihr Fandasein ausleben zu können“…schönen Dank auch, ihr Kackwürste.

Und doch: der FC St. Pauli muss unbedingt in diese Liga zurück. Ich sage Euch, warum:

1. sportlicher Erfolg an sich: jeder Verein, der nicht das Ziel hat, so schnell als möglich (zumindest aber irgendwann) in der höchsten Spielklasse zu kicken, sollte sich vom Spielbetrieb abmelden.

2. theoretische Chance auf internationalen Wettbewerb: wenn alles optimal läuft, ist es für jeden Verein der 1. Bundesliga möglich, am Ende der Saison auf Platz 5 oder 6 zu landen. So auch für den FC St. Pauli.
Ein Verein wie Celtic Glasgow wird zu jedem noch so fernen Auswärtsspiel von Zigtausenden begleitet. Würde der FC St. Pauli international spielen, würde kein Mensch mehr in diesem Zusammenhang von Celtic reden.

3. Derby gegen die Atzen: endlich wieder zwei Chancen pro Saison, ein Pflichtspiel gegen die Salmis zu gewinnen. Wir wissen alle, wie diese Spiele ausgehen werden – aber ich will einfach diesen sportlichen Wettstreit gegen den Verein, bei dem sich jede_r fragt, was das „Hamburger“ im Vereinsnamen soll. Spiele gegen Rostock oder irgendwelche anderen Pockenvereine interessieren mich herzlich wenig, wenn ich statt dessen die Herausforderung gegen MVA haben kann. Und den Fehler, zum Heimspiel in den Volkspark umzuziehen, wird ja wohl hoffentlich niemand mehr machen. Hoffentlich…

4. Holger Stanislawski und André Trulsen: der FC St. Pauli musste fast 100 Jahre auf das für ihn ideale Trainerduo warten. Erstmals sitzen zwei Leute an den sportlichen Schalthebeln, die nicht nur ein braun-weißes Herz haben, sondern auch über Fußballsachverstand verfügen. Nach den Beiden kann im Grunde genommen nichts mehr kommen. Stani und Truller machen so eine gute Arbeit, da kann man dem Aufstieg quasi gar nicht mehr ausweichen.

5. Modefans: ja, wo sind die eigentlich in den letzten Jahren geblieben? Oder sieht man sie einfach seltener, wenn man sich permanent im Mikrokosmos Südkurven-Mittelblock bewegt? Alles quatsch, Leute…schaut doch nur mal in den Bereich oberhalb ebenjenen Mittelblocks. Was da für eine für eine krude Mischung aus C-Promis, Schlipsträgern und Littmanns Freunden aus St. Pauli-Süd rumoxidiert, lässt einem schon jetzt die Saté-Spießchen wieder hochkommen. Und das ist alles nur der Anfang…spätestens, wenn der Aufstieg kommt, erwartet uns eine bedenkliche Weiterentwicklung. Zusätzlicher VIP-Bereich auf der Haupttribüne, immer mehr Leute, die Geld in der Tasche haben, aber emotional null am Verein hängen und ein Präsident, der die Gelddruckmaschine Millerntor weiter ankurbelt…alles natürlich, damit das Totschlagargument „damit bleiben die Stehplätze bezahlbar“ weiterhin greift und er mit seiner Service GmbH noch mehr Reibach machen kann.
Und deswegen müssen wir aufsteigen? Richtig – genau, weil nur durch solche Ereignisse das wahre Elend des Vereins hochgespült wird und die Fanszene endlich wieder Feindbilder bekommt. War in den letzten Jahren auch alles viel zu peacig am Millerntor.

6. Neue Stadien: ich gebe zu, so wild bin ich jetzt nun auch nicht auf AWD Arena, Volkswagen-Sportplatz und SAP-Hausen. Aber haben wir dort schon mal mit der ersten Elf gespielt? Ist es nicht ein gutes Gefühl, die Möglichkeit zu bekommen, sämtliche Schlafstätten der ersten Liga zu rocken? Natürlich werden wir auch hier einige Enttäuschungen erleben und mit 8000 Leuten nach München fahren, wovon sich 7500 das Gehirn matschig saufen und im Stadion schnarchend übereinander liegen. Allerdings hat die Fanszene des FC in den letzten Jahren eine durchaus positive Entwicklung bezüglich Stimmung hinter sich, die mich doch ziemlich zuversichtlich macht.

7. Nie mehr Greuther Fürth: das letzte Auswärtsspiel der Saison findet ja bekanntlich im Playmobil-Stadion statt. Sollte es dazu kommen, dass der FC dort den Aufstieg klarmachen sollte, wäre nicht nur die Freude über den Erfolg sondern die Genugtuung, den Aufstieg beim Inbegriff der 2. Liga eingetütet zu haben, ein Garant für einen unvergesslichen Tag. Eine größere Motivation, den Klassenerhalt in der 1. Liga zu sichern als es in der Hand zu haben, nie wieder gegen Greuther Fürth spielen zu müssen, kann es eigentlich nicht geben.

8. Beschleunigung des Stadionbaus: davon können wir wohl ausgehen, sollte es zum Aufstieg kommen. Der Neubau von Nordkurve und Gegengerade wird sehr schnell und unkompliziert erfolgen. Insbesondere bezüglich Gegengerade positiv für uns, allein schon wg. Fanräume. Aber: immer schön aufpassen, dass der Charakter des Millerntors erhalten bleibt. Nicht so aalglatt wie bei anderen Neubauten darf es sein…und schon gar nicht vollgestopft mit den Leuten aus Punkt 5. Also: öfter mal die mit Senf durchtränkte Wurstpappe fallen lassen, Kaugummis nicht in die Mülleimer werfen, Aufkleber und Edding mitbringen, sich gegen das Establishment auflehnen und das Millerntor dreckig, aber lebenswert machen.

9. Weltfrieden: also, jetzt mal ehrlich…was kann bitteschön förderlicher für den Weltfrieden sein als ein Aufstieg des FC St. Pauli? Der Banker und der Punker Seit’ an Seit’, lauter beschauliche Geschichten in allen möglichen deutschen Spartenprogramm, ganz viele alternative und total dufte Künstler_innen/Denker_innen, die hier ihre Plattform bekommen. Wir werden alle so abkotzen, aber der graue Fußballalltag bekommt ein Stück heile Welt. Wir werden der Florian Silbereisen der Bundesliga sein.

10. Naja…auf jeden Fall wird’s ne recht lässige Feier. Ich rede natürlich nicht von den Massenaufläufen auf’m Spielbudenplatz, Eintrag ins goldene Buch oder ähnlichem Schmonz, den niemand braucht (außer vielleicht der Bierindustrie). Vielmehr werden es die kleinen Anekdoten sein…wie jeder für sich den Moment des Aufstiegs miterlebt habt, wie man nächtelang über die nächsten Spielzeiten philosophiert, die Champions League-Teilnahme der Diva in der Saison 2011/2012 durchspielt, sich währenddessen alle fünf Minuten vor Freude schluchzend in den Armen liegt und sich irgendwann in der Nacht auf der Straße verabredet, um dort einfach zu tanzen, Kopfstand zu machen oder wildfremde Leute abzuknutschen. Leute – darum geht es doch im Endeffekt. Nur einmal das Gefühl zu haben, Fan von ner guten Mannschaft zu sein. Nur einmal tief und frei durchatmen können. Und einmal wieder die Chance zu haben, dem großen Ziel ein Stück näher zu kommen: der Meisterschale.

Zweite Liga braucht kein Mensch.